Krippenspiel * nativity play

Am Weihnachtsabend feiern wir im Freundeskreis und freuen uns über dieses Krippenspiel von Oliver Fabel aus Berlin mit bauhäuslerischen Anklängen aus Weimar. Die Konfiguration ermöglicht Familienaufstellungen ebenso wie politische und philosophische Betrachtungen. In der deutschsprachigen Fassung treten die drei Könige auf, in der englischen Fassung die wise men. Sie besuchen mit den Hirten das Kind, die Eltern und Tiere im Stall. Bitte anklicken zum Vergrößern.

Gastgeber und Gäste tragen zu einem wundervollen Weihnachtsabend bei.

Menu-Folge: Kürbis-Möhren-Orangen- oder Erbensuppe, Gemüse-Antipasti, Heringsalat oder Räucherfisch, gefüllte Tomaten und oder chinesische Teigtaschen, Gänslein zu Klößen und Blaukraut mit Chili oder Grünkohl-Auflauf, dazu feine Weine und fränkisches Bier, dann Bio-Käse weich und hart oder Stadtwurst oder geräucherte Bratwurst – sowie Käsekuchen, Linzer Torte, Kaffee oder süßer Wein.

Bunte Gespräche, Geschenke und Gesänge, wozu sich eine Nachbarsfamilie einstellt. Lieder-Folge: „Es ist ein Ros‘ entsprungen“, „Tochter Zion“, „O Du fröhliche“, „Stille Nacht“, „Yakanaka Vangeri“ und weiteres: „Ich steh an deiner Krippe hier“: „Ja, laß mich doch dein Kripplein sein, komm komm und lege bei mir ein Dich und all Deine Freuden.“

Nach Lukas sagen die Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Weihnachtsgrüße:

Frohe Feiertage, Ferientage und herzliche Grüße

Bernd

 

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Ilona Jerger: „Und Marx stand still in Darwins Garten“

 

Ilona Jerger ist eine spannende Geschichte gelungen, wie es hätte sein können, wenn sich Darwin und Marx damals in ihrer Londoner Umgebung getroffen hätten. Sie blickt belesen in beider Lebensläufe, schildert ihr morbides Altersleben und führt über die Gespräche mit dem fiktiven beiderseitigen Hausarzt zu Reflexionen über die „Lage der arbeitenden Klasse in England“, religions- und kirchenkritischen Aspekten, mit dem sehr privaten Blick in die Wohnzimmer der beiden hin zu Familiengeschichten von Darwin mit Emma, Marx mit Jenny und Lenchen. Ilona Jerger betrachtet das England des 19. Jahrhunderts, mit herbstlicher und winterlicher Natur, wissenschafts-geschichtlichen, politischen wie weltanschaulichen und religiösen Fragen.

„Dass ihr Engländer sogar in der Natur das kapitalistische Hauen und Stechen sehen wollt. Überall Kampf und das Stärkere muss siegen!“ Marx ballte seine Faust, reckte sie in die Luft und ließ sie auf Darwins Buch niedersausen. „Dabei handelt es sich um einen klasssichen Zirkelschluss.“ Er zeichnete mit dem Zeigefinger Kreise in die Luft. „Darwin hat den Kampf ums Überleben, den er im kapitalistischen Sytem beobachtet hat, auf Tiere und Pflanzen übertragen. Nein, es ist kein Zufall, dass er in der Natur seine englische Klassengesellschaft wiedererkennt.“ (S. 108-109)

In Ilona Jergers Wiedergabe berührt mich, wie sie auf Marxens Emigration eingeht:

„Im Ton beiläufig, sagte Doktor Beckett, Entwurzelung und Vertreibung würden den Menschen doch arg zusetzen. Er habe noch andere Exilanten unter seinen Patienten und habe mit ansehen müssen, was Heimatlosigkeit mit ihnen anrichte. Das Verlassen der Familie. Die fremde Sprache. Die andere Kultur. Verfolgt sein. Ausspioniert werden. … “ (S. 113)

Die fiktive Begegnung von Darwin und Marx im Kapitel „Tischgebet mit Ungläubigen“ zum Abendessen im Hause Darwin mit seiner Frau Emma, die vorsorglich den Ortspfarrer dazu geholt hatte, Edward Aveling, hier eingeführt als Marxens Schwiegersohn, und dem deutschen Freidenker Ludwig Büchner komponiert die Autorin gedankenreich, köstlich und spritzig.

 

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten, Roman, Ullstein, Berlin 2017, 288 Seiten

Besprechung bei Literatur im Fenster.

„And Marx Stood Quietly in Darwin’s Garden
England, 1881. Two of the most important man of the 19th century live only a  few miles apart. Charles Darwin resides in the countryside of Kent while Karl Marx lives in the midst of bustling London. Both, in their own right, have changed the course of modern science, philosophy and politics. And both struggle with that legacy. Disillusioned with life and the science community Darwin spends his days secluded researching earthworms. Marx desperately tries to write another piece of the magnitude of Capital Volume I, while he still awaits the uprising of the proletariat. One evening they meet at a dinner party. What starts as an engaging conversation quickly becomes a heated fight once they broach the topic of God and justice. The evening ends in a disaster yet the two forces of  nature share an intimate moment in which both quietly acknowledge that they have more in common than they thought or could ever admit publicly.

 

This brilliant novel allows for the reader to get to know these big and highly controversial personalities on a very personal and deeply human level. They appear vulnerable and fragile. Simultaneously, Jerger displays well researched discourses into Materialism and Evolutionary Theory that lay a solid foundation to this fictionalised setting. Most importantly, she transports us to very personal yet crucial moments that have fuelled these two men’s theories and have ultimately shaped the modern world as we know it. And only fiction can do that!“

 

 

Universales Lesen

Liebe Leser*innen,

lesen in der Universal-Bibliothek von Reclam. Herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag! Hier ein persönlicher  Beitrag.

     

Philosophie

Mein Lieblingstext und meist gelesenes Reclam-Heft ist Platons Gastmahl – über den Eros. Wie Sokrates und seine Freunde über die Liebe philosophieren – bleibt unvergleichlich. Diotima in der Schilderung von Sokrates: „Wohlan, ich will es dir sagen. Es ist nämlich ein Zeugen im Schönen, sei es im Leibe, sei es in der Seele“. (S. 79)

Platons Schüler und Kritiker Aristoteles eröffnet seine Metaphysik: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen …“ (S. 17)

Einmal hatte ich an den Reclam Verlag geschrieben und gebeten, Aristoteles‘ „Über die Seele“ heraus zu bringen, und wenige Jahre später freute mich die Ausgabe in Griechisch und Deutsch:

„Weil man die Seele hauptsächlich durch zwei unterschiedliche Merkmale bestimmt, nämlich durch Ortsbewegung einerseits und Denken, Begreifen und eine Art von Wahrnehmen andererseits, so scheinen auch das Denken und Beurteilen so etwas wie Wahrnehmen zu sein … “ (S. 139)

In Diogenes Laertius „Leben und Lehre der Philosophen“ finden sich viele Erläuterungen. Cicero war ein weiteres Lese-Erlebnis; er hatte die griechischen Erfahrungen ins Römisch-Lateinische übertragen und überliefert. „Es gibt ja kein Gebiet, auf dem die menschliche Tugend dem göttlichen Walten näher kommt, als wenn es gilt, neue Staatswesen zu gründen oder das Bestehen bereits gegründeter zu sichern.“ (Über den Staat, S. 23)

Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen unter anderem: „Wer aber eine vernünftige, welt- und staatsbürgerliche Seele hochachtet, der hat kein anderes Interesse mehr, dagegen sucht er seine eigne Seele in vernünftiger und gemeinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten und hierzu auch den Mitgenossen seines Geschlechts behilflich zu sein.“ (S. 87)

Boethius‘ „Trost der Philosophie“ übersetzte das antike Denken ins Mittelalter: „Das vollkommene Gute aber, so haben wir aufgestellt, ist das vollkommene Glück. Das wahre Glück also muß notwendig in Gott, dem Höchsten, wohnen.“ (S. 103)

Was wären die Menschenrechte, unser Grundgesetz ohne die Menschenwürde, die Pico della Mirandola begründete: „Über die Würde des Menschen“: „Hochverehrte Väter! In den Schriften der Araber habe ich gelesen, der Sarazene Abdala habe auf die Frage, was sozusagen auf der Bühne dieser Welt als das Bewundernswerteste erscheine, geantwortet, nichts erscheine der Bewunderung würdiger als der Mensch.“ (S. 5)

So geht es weiter bei Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Ich bin als Bürger eines freien Staates geboren und Glied des Souveräns, und so schwach auch der Einfluß meiner Stimme auf die öffentliche Angelegenheiten sein mag – mein Stimmrecht genügt, mir die Pflicht aufzuerlegen, mich darin zu unterrichten.“ (S. 5)

Neuere Philosophie

Was hat die Universal-Bibliothek von Reclam alles zu bieten, darunter:

  • Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen“
  • Schellings „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“
  • Schleiermachers „Über die Religion“
  • Marx und Engels „Manifest der kommunistischen Partei“
  • Thomas Nagel „Was bedeutet das alles?
  • Manuela Di Franco „Die Seele. Begriffe, Bilder und Mythen“
  • und so weiter und so fort …

Literatur

  • Ovid,  Liebeskunst
  • Apuleius, Das Mächen von Amor und Psyche
  • Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie
  • Johannes von Tepl, Der Ackermann und der Tod
  • Die Pegnitz-Schäfer. Nürnberger Barock-Dichtung
  • Wackenroder / Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
  • Johann Wolfgang Goethe, Faust
  • Friedrich Hölderin, Hyperion
  • Christoph Martin Wieland, Musarion
  • Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas

Theater

Über die älteren und neueren Theaterstücke gibt es ebensoviel zu erzählen – Reclam sei Dank. Seien es die antiken Dramen  von Sophokles, Euripides, Aischylos und Komödien von Aristophanes – oder Shakespeare und die Modernen.

"Chorführerin:
Der Ankömmlinge schützt, Zeus schaue herab
Auf unseren Zug, der zu Schiffe sich hob
Von den Dünen feinkörnigen Sands im Gemünd
Des Nils. Ist sein ja das Land auch
Aus Syriens Grenzen, aus dem wir entflohn, 
Nicht daß blutige Schuld durch das Urteil des Volks
Die Heimat zu meiden uns zwänge,
Nein, aus eigenem Trieb, vor den Männern zu fliehn,
Verschmähend die Eh' mit den Söhnen Aigypts
Und ihr göttermißachtendes Treiben. ..." 
Aischylos, Die Schutzsuchenden, S. 5

"Chor
Ungeheuer ist viel und nichts
Ungeheuerer als der Mensch. ...
Sophokles, Antigone, S. 18
"Die Welt scheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit, die Suche nach einer wesentlichen, vergessenen, unbenannten Realität, außerhalb derselben ich nicht zu sein glaube, wollte ich ausdrücken - mittels meiner Gestalten, die im Unzusammenhängenden umherirren und die nichts ihr eigen nennen, außer ihrer Angst, ihrer Reue, ihrem Versagen, der Leere ihres Lebens. Wesen, die in ein etwas hinausgestoßen sind, dem jeglicher Sinn fehlt, können nur grotesk erscheinen, und ihr Leiden ist nichts als tragischer Spott. Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.
Eugène Ionesco, Die Stühle. Der neue Mieter, Vorsatz

 

Reclam Leipzig

  • Albrecht Dürer, Schriften und Briefe, Leipzig 1978: „Die groß Kunst der Molerei ist vor viel hundert Johren bei den mächtigen Künigen in großer Achtbarkeit gewesen, dann sie machten die fürtrefflichen Künstner reich, hieltens wirdig, dann sie achteten solche Sinnreichigkeit ein geleichförmig Geschöpf noch Gott. Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär,  daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allbeg etwas Neus durch die Werk auszugießen.“ (S. 153)
  • Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike, Leipzig 1977
  • Sebastian Brant, Das Narrenschiff. Texte und  Holzschnitte der Erstausgabe 1494 …, Röderberg Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Reclam Leipzig 1980)
  • und andere

Reclam Leipzig und Stuttgart schauen in die Welt

Annemarie Schimmel war die Übersetzerin und Interpretin der arabischen und und persischen Literatur. Mehr davon bietet Reclam mit Al-Farabi und Ibn Kaldun.

Und sonst?

  • Das meist gebrauchte und zerfledderte ist bei mir das Fremdwörterbuch
  • In den Arbeitstexten für den Unterricht, deutsche Kurzgeschichten für das 9.- bis 10 . Schuljahr, mochte ich Heinrich Böll, „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“
  • Die „Leseliste“ bietet eine Anleitung mit 600 Titeln zum Weiterlesen
  • Im Universal-Notizbuch sammle ich Herbstgedichte …

Gute Wünsche dem Reclam Verlag und eindrucksvolle Bildungs-Erlebnisse allen Leser*innen

Bernd Arnold

 

Reclam Verlag: https://www.reclam.de/

 

Henry David Thoreau 200

„Henry David Thoreau wird als geistiger Vater Gandhis, Martin Luther Kings und der gegenwärtigen Friedensbewegung immer bedeutender. Ein  Pionier für Natur- und Umweltschutz, alternative Lebensformen, „Zivilen Ungehorsam“.

Henry D. Thoreau mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Hans-Dieter und Helmut Klumpjan, rowohlt monographie, Reinbek bei Hamburg 1986

Illustrationen aus dem Band und weitere Titel – bitte zur Vergrößerung anklicken:

Zum 200. Geburtstag Henry Davids Thoreaus am 12. Juli 2017.

Bei WordPress gibt es in mehreren Blogs Besprechungen und schöne Zitate zu finden und Links zu weiteren Medien.

Dazu eine aktuelle Ausstellung bei The Morgan Library & Museum in New York, die Thoreaus Tagebücher behandelt:

http://www.themorgan.org/exhibitions/thoreau

Hörfunksendung des Südwestdeutschen Rundfunks als Audio-Podcast:

Henry David Thoreau: Vordenker des zivilen Ungehorsams

06.07.2017 | 28 Min. | Quelle: SWR

„Bis heute wird Thoreau als Popstar der Ökologie-Bewegung gefeiert und als wiederentdeckter Held des globalisierten Widerstandes gegen den Staat. Ist das alles nur ein Mythos?“

In der Sendung kommen zu Wort unter anderen Frank Schäfer, Autor einer neuen Biografie, sowie der Herausgeber der Tagebücher:

Frank Schäfer, Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell. Eine Biographie, Suhrkamp Taschenuch 2017

Henry David Thoreau, Tagebuch I, Originaltitel: The Journal (Englisch), Übersetzung: Rainer G. Schmidt, Matthes & Seitz, Berlin 2016

Tagebuch II, Übersetzung: Rainer G. Schmidt, 2017
Nachtrag:

Buch-Bloggerin „Sätze & Schätze“ bespricht hier die Neu-Erscheinung: Henry David Thoreau, Leben ohne Grundsätze, Übersetzung von Peter Kleinhempel, Limbus Verlag, Innsbruck 2017:

https://saetzeundschaetze.com/2017/12/02/henry-david-thoreau-leben-ohne-grundsaetze-1863-2017/

 

Beautiful Fountain – Schöner Brunnen

In the Old Town of Nuremberg one of my beloved sights is the Beautiful Fountain at the Main Market Place. The medieval Fountain had been restored for quite a while recently, and a sunny day gives the opportunity to take some fresh photographs of it. Among fourty sculptures, in the first line we find the representatives of the seven liberal arts and philosophy:

  •  Donatus: Grammar
  •  Cicero: Rhetoric
  •  Aristoteles: Dialectic
  •  Nikomachus: Arithmetic
  •  Euklid: Geometry
  •  Ptolemaeus: Astronomy
  •  Pythagoras: Music
  •  Socrates: Philosophy.

Please click at anyone for the picture gallery:

Along with the restoration, not only the static of the fountain was secured and the colours have been refreshed, but also the well was set in function again. In medieval times, the fountain had an important role in water supply. In a transferred sense, the water well symbolizes the well of wisdom as it was and still may be found through philosophy.

If you ever come to see Nuremberg, take a look at the Beautiful Fountain. Blog followers are kindly invited to share a philosophical guided tour and their reflections.

 

 

Das Leben verstehen * Understanding life

English readers please check out the book of Wilhelm Schmid here on the publishers page.

Wilhelm Schmid schreibt „Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers“.

Wer Wilhelm Schmids Werke schon eine Weile liest, freut sich über sein neues Buch, denn hier schreibt er über seine praktischen Erfahrungen im Krankenhaus Affoltern am Albis im Kanton Zürich, wovon schon lange die Rede, aber nicht viel zu lesen war. Schmids Essay „Vom Sinn der Schmerzen“ führte zu der Einladung, im dortigen Spital tätig zu werden. Ab 1998 übernahm er für zehn Jahre die Philosophiewochen: Gespräche mit den Patienten am Krankenbett, Pflegern und Ärztinnen, Workshops mit den Mitarbeitenden, Vorträge und Werkstätten über die Lebenskunst.

In den für Wilhelm Schmid zunächst überraschenden Gesprächen mit den Klienten geht es um Brüche und Lebenskrisen, den Umgang mit sich selbst und Neuanfänge, Schönes und zu Genießendes, Glücklich sein oder den Sinn – endlich um die Lebenskunst angesichts des Todes. Gefragt sind „geistige Nahrung“ (S. 16), das Zuhörenkönnen (S. 115), das Gespräch und die Beziehungen (S. 115 f).

"Was ich der Zeit in Affoltern verdanke, ist ein enormer Reichtum an Empirie im Sinne von Erfahrungen, die zum Korrektiv für meine eigenen Theorien werden konnten. Der vorliegende Bericht davon will nicht etwa ein Modell schildern, das auf andere Situationen und Institutionen übertragbar wäre, sondern diskutable Beispiele für eine philosophische Praxis im weiteren Sinne vorstellen." S. 13

"Meine Rolle in diesem Rahmen ist, einen Raum anzubieten, in dem über das Leben nachgedacht werden kann, um es besser zu verstehen. [...] 
So privat die Lebenskunst zunächst zu sein scheint, so politisch fällt sie letzten Endes aus, wenn es um die Bedingungen und Möglichkeiten des Lebens geht, die nicht nur vom jeweiligen Individuum abhängen." S. 235 f

Ebenso eingehend spricht der Autor mit dem Personal im Krankenhaus „quer durchs ganze Haus“ und nennt dies „transversale Arbeit“ – mit Wirkungen und Nebenwirkungen. Wilhelm Schmid besucht die Verwaltung, den Operationssaal und philosophiert mit der Ärzteschaft. Gleichermaßen reflektiert er mit den Pflegenden, den Kräften der Physiotherapie und Psychotherapie sowie der Psychiatrie und Theologie.

Wilhelm Schmid versteht sich als weltlicher Seelsorger, leitet den Begriff der Seelsorge von Sokrates und Platon her und entfaltet ihn aus der philosophischen Tradition mit Bezug auf Michel Foucault (S. 167 f). Leistet das philosophische Gespräch Rat oder Beratung? Was treibt dass Gespräch an? Was bedeutet Selbstbestimmung? Kann Philosophie Lebenshilfe leisten – was umstritten ist und hier und da bezweifelt wird.

"Das Leben braucht Möglichkeiten, eine Wirklichkeit ist zu wenig für einen Menschen." S.183 

"Wie die Erfahrung zeigt, kann das bloße Gespräch schon Wunder bewirken. Und das hat Gründe, denn endlich erfährt ein Mensch die Aufmerksamkeit, die ihm fehlte, die Zuwendung, die er entbehrte. Das ist der große Gewinn der Gespräche: Die Macht der Aufmerksamkeit wird erfahrbar, und dies wechselseitig." S.196   

"Der eigentliche Gewinn der philosophischen Gespräche ist Sinn. Philosophieren heißt, die Frage nach dem Sinn ernst zu nehmen und die möglichen Antworten darauf zu erörtern. Durch das gemeinsame Innehalten und Nachdenken über Sinn, durch Besinnung in jedem Sinne, werden bestehende Zusammenhänge klarer und sind neue zu erschließen." S. 197 f

Der Autor fragt sich selbsterfahrend: „Wozu das Alles?“ und taucht weiter ein in die Fragen, was Krankheit sei, seit wann es Krankenhäuser gibt wiederum anhand von Foucault, und wie sie etwas anders gestaltet werden könnten.

Im weiteren Kapitel betrachtet Wilhelm Schmid seine Leib- und Magenthemen der Lebenskunst wie die Kürze des Lebens, Heiterkeit und Zorn, Freiheit und Form, die Kunst des Berührens und Berührtwerdens, wie auch die Schattenseitens des Lebens mit den Machtfragen und Ohnmachtserfahrungen, Sinn und Sinnlosigkeit. Wie in seinen bekannten Büchern erläutert Schmid den Umgang mit Menschen und sich selbst, denkt nach über Liebe, Lieblosigkeit und andere Liebe sowie das Menschsein als in Beziehung sein.

"Heiterkeit beruht auf dem Erfülltsein von den zahllosen und gegensätzlichen Phänomenen des Lebens, die ein Mensch immer und überall erfahren kann." S. 245

"Philosophieren heißt, die vielen kleinen und großen Zusammenhänge von Leben, Liebe, Arbeit und Welt zu bedenken, um die eigene Rolle und die von Anderen in diesem Rahmen klarer sehen zu können." S. 315

In der weiteren theoretischen und praktischen Werkstatt geht es um Gewohnheiten im Pflegeheim, Überbelastung in der Arbeit, das lange Arbeitsleben, starke Teams für Krebskranke, pflegerischen Umgang mit Sterben und Tod. Gemeinsam wird in der Seelengruppe der Deutung der Seele nachgegangen (S. 130, 345 – 350).

Schließlich nimmt Wilhelm Schmid Abschied vom Haus, fragt was von seiner Tätigkeit bleibe und was sich daraus für die akademische und freie Philosophie Philosophie ergebe.

"Gerne würde ich mit diesem Buch dazu beitragen, dass die Philosophie sich entschiedener als bisher mit Lebensfragen befasst." S. 380

 

Wilhelm Schmid, Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 382 Seiten

Leseprobe, Angaben über Autor und weitere Schriften auf der Verlagseite:

http://www.suhrkamp.de/buecher/das_leben_verstehen-wilhelm_schmid_42569.html

Deutschlandradio Kultur führte ein Gespräch mit Wilhelm Schmid zu diesem Buch  (ab 15 Minuten):

http://www.deutschlandradiokultur.de/sein-und-streit-die-ganze-sendung-der-philosophische.2162.de.html?dram:article_id=365543

Die Seite von Wilhelm Schmid findet sich hier:

http://www.lebenskunstphilosophie.de/index.htm

WordPress bietet an, einen Beitrag im „Photo Challenge“ zum Thema „Resilient“ zu senden:

Resilient

Beim Daily Prompt zu „Hopeful“ bietet sich dieser Beitrag ebenfalls an:

Hopeful

Viel Glück, alles Gute, Frieden, Gesundheit und Wohlergehen für das neue Jahr 2017!

Happy new year, all the best, peace, health and well-being in 2017!