Das Lied der Rohrflöte

Hermann Glaser, Herausgeber: In Franken wieder Heimat finden. Über das Schicksal von Glaubensflüchtlingen, Heimatvertriebenen, Gastarbeitern, Kriegsflüchtlingen und Asylsuchenden, Reihe Buchfranken, Sonderband, Schrenk-Verlag, Röttenbach 2017

Herausgeber Hermann Glaser versammelt in diesem Band eine lesenwerte Reihe von Texten von und über Migranten in Franken. Seiner Einleitung stellt er Goethes Worte voran: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“. Er betrachtet die „Menschenbilder“, Lithografien des Malers und Zeichners Johannes Heisig – Gesichter, Köpfe, Gestalten.

Die Auswahl der Stoffe geht zurück bis zum Pegnesischen Schäfergedicht von Georg Philipp Harsdörffer und Johannes Klaj von 1644, den Mitbegründern des „Pegnesischen Blumenordens“ gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Michael Husarek schildert die gelungene Integration der französischen Hugenotten in Erlangen im 17. Jahrhundert und benennt Gelingensbedingungen für heutige Integration.

Als Nachfahre Salzburger Exulanten berührt mich die Darstellung von Christoph Lindenmeyer, wie deren Trecks nach und durch Franken zogen. Die Umstände der Ausweisung von 1731 lesen sich so erschütternd wie erfreulich die Beispiele der Willkommenskultur in Augsburg, Nürnberg und anderen Orten, auch durch die jüdischen Gemeinden. Zu deren Verfolgung und Vertreibung verweist  Herausgeber Glaser auf ein „anderes Buch“.

Bewegende persönliche Erinnerungen in Folge des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges geben Wolfgang Mück , „Vertrieben ins Ungewisse“, aus dem nordmährischen Hohenstadt nach Schauerheim und Neustadt an der Aisch, Andreas Holler: „Irgendwo ankommen“ und Bernd Ogan: „Mein Vater: Flüchtling aus Gleiwitz“.

Ein Kind aus Vietnam zu adoptieren und in die Familie zu integrieren, reflektiert Hermann Glaser eindrucksvoll: „Wie ein Kind entsteht. Geburtsurkunde: Ein Waisenhaus in Südvietnam.“

C. Peter Waegemann erinnert sich an das rote Erfurt und das braune Nürnberg, und wie er darüber mit Nachbarn in den USA sprach, darunter einem Geflüchteten, dessen Familie in den Konzentrationslagern ermordet worden war und der als US-Pilot Nürnberg bombardiert hat.

Über die „Gastarbeiter“ der 50er, 60er und 70er Jahre aus Italien, Spanien, Griechenland, Türkei und Marokko berichtet Steven M. Zahlaus mit einem Blick auf die Anwerbe-Abkommen und Entwicklungen des Ausländerrechts: „Dringend benötigt – schlecht behandelt“.

Doris Katheder und Max-Josef Schuster interviewen Somayeh Farzaneh, Künstlerin aus dem Iran bzw. Persien. Sie studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar und an der Akademie in Nürnberg und konnte einige Kunst-Projekte realisieren oder konzipieren. Auf die Frage, woher kommst Du, aus Persien oder dem Iran, antwortet sie unter anderem mit Versen von Rumi: „… wir sind alle von oben und gehen dorthin zurück …“.

 

Das Lied der Rohrflöte

Hör auf die Flöte – wie sie erzählt,
wie sie klagt über Trennung und spricht:
Seit man mich aus dem Röhricht schnitt,
weinen Mann und Frau bei meiner Klage.

Ich suche die Herzen derer,
die von Einsamkeit gequält sind
– nur sie verstehen
den Schmerz meiner Sehnsucht.

Wer weit entfernt ist
von seiner Heimat,
der sehnt sich
nach dem Tag seiner Rückkehr …

Der Hauch der Flöte ist Feuer – nicht Wind!
Was nützt einem sein Leben
ohne dieses Feuer?
Das Feuer der Liebe
bringt dem Schilfrohr die Musik
und dem Wein seinen Geschmack.

Das Lied der Flöte
lindert den Schmerz
verlorener Liebe.
Ihre Melodie reißt
die Schleier von unserem Herzen.

Hat es je ein so bitteres Gift
oder einen so süßen Zucker gegeben,
wie das Lied der Flöte?

Hat man je einen Liebenden
wie sie gesehen?

Rumi, Übersetzung von Dieter Halbach, hier S. 142

 

Thomas Röbke schreibt von der Begleitung zweier Jugendlicher aus Pakistan und Afghanistan, und die beiden erzählen von ihrer Herkunft, dem Ankommen, Schwierigkeiten und ihren Hoffnungen.

Kurz und knapp definiert Nina Glaser schließlich die Begriffe Zuwanderer, Migranten, Kontingentflüchtlinge, Asylbewerber und Geduldete.

 

Die Reihe „Buchfranken“ des Schrenk-Verlages ist hier zu finden:

http://www.buchfranken.de/B%C3%BCcher%20im%20Schrenk-Verlag.html

 

 

 

 

 

 

Sprechen lernen

Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens, Roman, Luchterhand, München 2009. English readers please check out here.

Von dem Buch wurde bei seinem Erscheinen gesprochen; ich nahm es zu den Wunsch-Lektüren und finde nun Gelegenheit und Muße, es zu lesen. Ortheil gliedert seinen Roman in fünf Teile: I. Das stumme Kind, II. Lesen und Schreiben, III. Die Flucht, IV. Roma und V. Die Rückkehr.

Fotos zum Vergrößern bitte anklicken. „… ich sehe Bild für Bild, ich sehe alle meine Bilder, meine Flucht, mein häufiges Unterwegssein, ich sehe die Menschen, Räume und Dinge in der Geschichte so vor mir, als bewegte ich mich gerade in ihnen.“  S. 584

Der kleine Johannes erlebt seine Kindheit mit den Eltern in Köln; er ist verstummt – oder verstimmt? -, wie seine Mutter, mit der er die Tage zubringt, sie begleitet beim Einkaufen und Spazieren am Rhein, sie nicht stört beim Lesen, mit ihr französische Chansons hört und schließlich von ihr das Klavierspiel erlernt. Der Junge erwartet die Heimkehr des Vaters von der Arbeit. Die Mutter hat ihrem Mann Zettel beschrieben mit dem Tagesgeschehen, die er vorliest. Entwicklungsschritte sind die Zeitschriften vom Kiosk, die Kneipen-Besuche mit dem Vater und die Kirchgänge zum Dom. Die Mutter-Sohn-Symbiose wird gestört durch die Schulanmeldung; der Vater eröffnet dem Jungen, dass er vier verstorbene Brüder habe und sie auf ihn stolz wären. Später wird ihm der Onkel in Essen erzählen, dass die ersten beiden Brüder als Kleinkinder im Krieg starben und danach zwei Totgeburten folgten. Selbst der anfangs wohlwollende und engagierte Klassenlehrer verliert die Geduld mit dem stummen Jungen, der von den Schulkameraden gehänselt – älterer Ausdruck für „gemobbt“ – wird.

Ein Aufenthalt mit dem Vater auf dem Land in der freundlichen Umgebung der familiären Gast- und Landwirtschaft im Westerwald vermag Johannes von der geliebten und verschlossenen Mutter abzulenken und schrittweise zu eigener Wahrnehmung und Bewusswerdung zu verhelfen. Die Zeichnungen und Anleitungen des Vaters – „Das ist eine Eiche“. „Das ist eine Buche“ – ermöglichen bildliches und schriftliches Lernen und Ausdruck. Der Besuch der vermissten und geliebten Mutter ermöglicht dem Jungen schließlich, zum ersten Sprechen aufzubrechen.

Hanns-Josef Ortheil hat sich zum Schreiben dieses Romans nach Rom begeben, schildert das aktuelle Befinden und die Erinnerungsarbeit, die durch die klavierspielende Tochter der Nachbarin angeregt wird. Johannes war nach dem Schulabschluss – in einem bayerischen Klosterinternat und in Köln – nach Rom gegangen und hatte am dortigen Conservatorio Klavier studiert, verliebt in die Südtiroler Literaturstudentin und Gastwirtstochter Clara und in die ewige Stadt.

Das Lese-Erlebnis lässt mich nachdenklich zurück: Wie habe ich selbst sprechen gelernt, welche Hemmnisse und Förderung gab es dabei? Welche Rollen spielten die Familiengeschichte, die Musik und andere Einflüsse?

Meine Lesung der „Erfindung des Lebens“ geschieht vor dem Hintergrund der Begleitung von Geflüchteten beim Ankommen, Orientieren und Sprechen lernen. Da gibt es zu einem fremden Wortschatz die Grammatik mit den Artikeln, Fällen, Komparativen und Superlativen. Was Interrogativ-Pronomen sind, erfuhr ich bei der letzten Sprechstunde. Welche Umstände und Beziehungen fördern den Spracherwerb für Menschen angesichts der Verletzungen und Kränkungen des Krieges, Verlustes von Angehörigen und Heimat?

Hier folgen ein paar subjekt ausgewählte Zitate aus Ortheils „Erfindung des Lebens“:

„Auf dem Hof nannte man diese Stunden Die Sprechstunden, und genau diesen Eindruck machte es auch, wenn Mutter an ihrem kleinen Tisch saß und, ein Bein über das andere geschlagen, ein Buch auf dem Schoß, leicht vorgebeugt, als wollte sie keine Silbe ihres Gegenübers verpassen, ihre Unterhaltungen führte. Manchmal dehnten sich diese Unterhaltungen zu regelrechten Gesprächsrunden aus, und obwohl sich unter deren Teilnehmern oft auch Männer befanden, die durchaus wussten, wie man das große Sagen inszenierte, gelang es meiner Mutter doch fast immer, die Gesprächsführung zu behalten.“  S. 290 / 291

„Als ich bereits etwas älter war, habe ich ihm [dem Vater] gesagt, dass ich meine Spaziergänge und Reisen mit ihm als eine Art Feldforschung betrachtet hätte, da schaute er mich verblüfft an und sagte: Richtig, genau das war es, das Wort lag mir ein Leben lang auf der Zunge!“  S. 291

„Der Trick, den ich anwenden musste, bestand also darin, mich an die Schriftfassung einzelner Lebensgeschichten zu erinnern. Wenn mir das gelang, erzählte ich flüssig und ohne Hemmungen.“  S. 404

„Er braucht aber nach wie vor Zeit, denn all das, was er sieht, hat erst noch einige Fremdheits-Sperren zu überwinden, bis es in seinem Gehirn und vor allem in seinen Empfindungen ankommt. Schaut er nur flüchtig hin, vergisst er sofort wieder, was er gesehen hat, er will aber nicht vergessen, sondern so viel wie möglich behalten, um es meist noch am selben Tag in seine Hefte notieren und damit festhalten zu können.“  S. 415

„In solchen Fällen konnte ich nicht nur mit niemandem reden, sondern trat sogar die Flucht an, um von niemandem angesprochen zu werden. Wie gehetzt suchte ich Orte auf, an denen ich kaum einem Menschen begegnete, und wenn ich endlich einen einsamen Ort gefunden hatte, machte mir die Einsamkeit nach einer Weile derartige Angst, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste, als wieder zurückzukehren an die vertrauten Orte und Räume meiner Kindheit rund um den ovalen Kölner Platz.“  S. 422

„Irgendetwas ist seit meiner Ankunft geschehen, aber ich verstehe nicht, was es ist. Ich spüre nur, dass ich anders als bei meinen sonstigen Fluchten und Reisen weder eine gewisse Anspannung noch irgendeine Unruhe empfinde, im Gegenteil, ich fühle mich leicht, unbeschwert, ja kurz davor, etwas zu singen. Ich will singen? Wieso will ich singen? Was, verdammt nochmal, ist denn bloß mit mir los?“  S. 450

„Wie leicht wird es sein, in dieser Stadt zu leben, ganz leicht. Eine Kirche, ein Café, eine Unterhaltung, noch eine Unterhaltung, diese Stadt ist wie für mich geschaffen, einerseits lässt sie mich vollständig in Ruhe, und andererseits bietet sie mir alles, was ich brauche. Das, was ich brauche, ist einfach vorhanden, an jeder Ecke, es steht da zur freien Verfügung.“  S. 458

„Vom ersten Tag an hatte man mich hier gut aufgenommen und nicht wie einen hergelaufenen Fremden, sondern wie einen wirklichen Freund behandelt.“  S. 472

Als Schluss-Satz zitiert Ortheil den Korinther-Brief: „Nun aber bleiben Hoffnung, Glaube, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen …“

 

Verlagsangaben mit Leseprobe, Autoren-Interview und Rezensionen: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Erfindung-des-Lebens/Hanns-Josef-Ortheil/Luchterhand-Literaturverlag/e271516.rhd#info

Blogs unter anderen bei:

https://privatliteratur.wordpress.com/2016/08/22/der-stumme-junge-schreibt/

»Die Erfindung des Lebens«, Hanns-Josef Ortheil

 

 

 

 

 

 

 

 

New Years Walk – Neujahrswanderung

Das neue Jahr willkommen heißen bei einem Ausflug mit Freunden und Verwandten erfreut besonders bei passender Witterung: Die Sonne beleuchtet bereifte Landschaft und Orte. Die Fotogallerie zum Vergrößern bitte anklicken:

Die Wanderrunde beginnt in Neunhof bei Lauf im Nürnberger Land, geht nach Nuschelberg, Günthersbühl und Oedenberg und erreicht den Panorama-Blick bei Tauchersreuth. Die sinnlichen Eindrücke lassen sich mit einfachen Mobilgerät-Aufnahmen weder einfangen noch wiedergeben.

Wir teilen freundschaftlich Ereignisse des vergangenen Jahres, Geburten und Todesfälle, Wohlbefinden, persönliche und berufliche Entwicklungen, Erinnerungen, Zeitgeschehen und Ausblicke sowie Tee, Lebkuchen und mehr Leckereien. Den Reif betrachten und eigenem Reifen nachdenken.

So läuft der Weg nach Beerbach, wo in der Kirche das Licht durch die Glasfenster strahlt und zwei „Himmelsscheiben“ gestaltet sind.

Der Brauereigasthof Wiethaler in Neunhof macht uns Einkehrer mit feiner fränkischen Küche und gutem Service so richtig satt.

Zum neuen Jahr viel Glück, alles Gute und Wohlergehen!

Weiteres zur Sankt-Egidien-Kirche in Beerbach vermittelt die Gemeinde unter: https://www.beerbach-evangelisch.de

Der Brauereigasthof Wiethaler in Neunhof findet sich unter: http://brauerei-wiethaler.de/

Mitteilung bei WordPress Daily Prompt „Year“:  Year

 

Freiheit. Schüleraufsatz in einer Willkommensklasse

Freedom. Please notice the blog of Emmanuelle Chaze in English language, link see below.

„Freiheit

Freiheit ist ein Begriff, der sich eine Meng Bedeutungen hat. Freiheit ist eine große Welt, die viele Teile enthält.

Freiheit sollte sich überall befinden, in jedem Land, jedem Haus und jeder Familie, einfach auf der ganzen Welt. Aber heutzutage hat die Freiheit ihre Bedeutung verloren. Die Starken regeln die Schwachen, die Reichen überfahren die Armen und, Präsidente töten ihre Völker. Warum!! gibt es einen grund? Weil einer Seine Meinung sagte? Oder velleicht weil einer sich beschwerte weil er Geld braucht um seine Kinder zu füttern oder weil einer andere glaben hat!? gibt mir einen überzeugenden Grund! . Ein Kind wird getötet, weil sein Vater nicht zur armee ging? Was ist seine Schuld ?!! . Jugendliche sterben, weil sie demonstriet haben. Wo ist die Freiheit? warum können wir sie nicht einfach habt haben?? diese frage stellt sich in vielen Ländern aber ins besondere Syrien. Ich würde dem Syrischen Volk, den Kindern in Syrien und in allen anderen ungerechten Ländern.“

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Diesen Text sendet Emmanuelle Chaze in ihrem Blog:

https://berlinerdiary.com/2016/12/15/welcome-class-december-15th-2016/

 

 

Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“

Der Roman zum Thema. Jenny Erpenbeck erzählt von einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge in Berlin und von Richard, der ihnen begegnet.

Klappentext Rückseite: „An einem Donnerstag Ende August versammeln sich zehn Männer vor dem Roten Rathaus in Berlin. Sie haben beschlossen, heißt es, nichts mehr zu essen. Drei Tage später beschließen sie, nun auch nichts mehr zu trinken. Ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie sprechen Englisch, Französisch, Italienisch. Und noch andere Sprachen, die hierzulande niemand versteht. Was wollen die Männer? Arbeit wollen sie. Und von der Arbeit leben. In Deutschland bleiben wollen sie. Wer seid ihr, werden sie von der Polizei gefragt. Wir sagen es nicht, sagen die Männer. Das müsst ihr aber sagen, sagen die andern, sonst wissen wir nicht, ob ihr unter das Gesetz fallt und hier bleiben dürft. Die Männer schweigen. Wir müssen prüfen, ob ihr wirklich in Not seid, sagen die andern. Die Männer schweigen.“

Klappentext vorne: „Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die Begegnung mit den Flüchtlingen auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Männern aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.

Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von alldem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.“

Der verwitwete Ruheständler Richard nähert sich mit persönlicher Neugier und  Fragen den Flüchtlingen an. Wir erfahren vom Leben in den Unterkünften, der Praxis der Ausländerbehörden und dem Sprachunterricht. Ebenso aufschlussreich wie berührend sind die Lebensgeschichten und Fluchtwege der Schutzsuchenden. Deren Heimatverlust und Hoffnung auf Europa setzt Jenny Erpenbeck in Verbindung zur Vergangenheit der DDR, die in den Erinnerungen von Richard und seinen Freunden nachklingt.

„Wenn man verstehen will, was einer meint oder sagt, muss man im Grunde das, was er meint oder sagt, immer schon wissen. Ist dann ein gelungener Dialog nur ein Wiedererkennen? Und das Verstehen nicht etwa ein Weg, sondern vielmehr ein Zustand?“ (S. 94/95)

„Wie oft wohl muss einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder entdecken, wie viel Verkleidungen abreißen, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? Reicht überhaupt eine Lebenszeit dafür aus? Seine – oder die eines andern?“ (S. 177)

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Albrecht Knaus Verlag, München 2015

Auf der Internet-Seite des Verlags steht eine Leseprobe zur Verfügung:

http://www.randomhouse.de/Buch/Gehen-ging-gegangen-Roman/Jenny-Erpenbeck/e336327.rhd

Das Kulturmagazin Perlentaucher fasst ausgewählte Buchbesprechungen zusammen:

https://www.perlentaucher.de/buch/jenny-erpenbeck/gehen-ging-gegangen.html

 

Wohin gehen wir? – Where do we go?

Im Transit Camp Stadionbad fragen viele Flüchtlingsgäste sich selbst und uns HelferInnen: „Wo gehen wir hin?“ Wo finden wir Schutz vor Krieg und Gewalt und einen Ort zum Leben, Wohnen und Arbeiten für uns und unsere Familien?

Dazu hier einige Situationen, die beispielhaft zeigen, welchen Schwierigkeiten und Ungewissheiten die Schutzsuchenden gegenüberstehen und welchen Herausforderungen freiwillige Helfer begegnen:

  • Im Essenszelt setze ich mich an einen freien Tisch zum Mittagessen. Eine Frau kommt hinzu, nimmt Platz am Tisch hinter mir und wartet. Als ich mit der Mahlzeit fertig bin, spricht sie mich an. „Sir“, sagt sie, und spricht auf Arabisch weiter, worauf ich mit „merhaba“ antworte, hallo, dass ich nicht Arabya spräche und nenne das Schlüsselwort „tardschama“. Sie versteht „übersetzen“ und holt von draußen einen der engagierten Übersetzer, der unser Gespräch vermittelt. Die Frau stellt sich als Irakerin vor, die mit ihrer Familie zuhause an Leib und Leben bedroht wurde, ihre Heimat verlassen musste und sich auf den langen Weg nach Europa machte. Der Übersetzer vermittelt ihre Frage: „Wo sollen wir hingehen? Können wir in Deutschland bleiben? Werden wir in Deutschland aufgenommen und anerkannt? Müssen wir Angst haben, in Deutschland zu leben? Sollen wir besser nach Finnland gehen?“ Ich antworte behutsam und stelle mich als freiwilligen Helfer vor. Kriegsflüchtlinge genießen Flüchtlingsschutz. Ich bin keine amtliche Person, die eine Aussage zu ihrem Flüchtlingsstatus treffen könnte. Ich frage, ob sie denn in Deutschland oder Finnland eine Anlaufstelle oder Angehörige hätten. Dies war nicht der Fall. Man höre, dass es in Deutschland auch viele Anfeindungen gegen Flüchtlinge gibt. Dies ist leider zutreffend und nicht zu bestreiten. Ich versuche, Mut machen. Es gäbe auch viele Menschen und Initiativen, die Flüchtlinge unterstützen. In der Zwischenzeit setzen sich andere Gäste an den Tisch und hören; die Tochter der Frau spaziert um den Tisch. Ihr Mann kommt hinzu. Sie entfaltet persönliche Dokumente. Der Übersetzer gibt Verständnis-Hilfe. Im Transit Camp bieten wir ein Zeltdach über dem Kopf und Versorgung für einen Tag oder ein paar Tage; im Camp gibt es keine Registrierung und keine Asylsozialberatung; die Weiterleitung zu einer Erstaufnahme-Einrichtung wird organisiert. Die Entscheidung, wohin ihre Familie gehen solle, kann ich ihr nicht abnehmen. Ich rege an, sich auch mit den anderen Mitreisenden zu verständigen und zu beraten sowie offizielle Erstaufnahme-Einrichtungen und Beratungsstellen aufzusuchen.
  • Nachmittags trifft eine junge syrische Familie ein, die völlig verzweifelt ist. Der junge Familienvater lebt seit ein paar Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft in Franken. Vor ein paar Tagen ist seine Frau, die etwas Englisch spricht, mit dem kleinen Sohn in Nürnberg angekommen; sie sind froh über ihr Zusammentreffen nach vielen Monaten der Trennung, und sie haben aber ihre Not damit, wo sie hier nun zusammen bleiben können. In der Gemeinschaftsunterkunft wurde die Frau nicht zugelassen, da sie noch nicht registriert und untersucht ist. Von dort wurden sie hierher ins Transit Camp geschickt. Wir versuchen, die schutzsuchende Familie zu beruhigen, geben Essen, Schlafplatz und Gespräche. Was ist der richtige Weg? Würde eine amtliche Untersuchung mit Bestätigung in der Gemeinschaftsunterkunft helfen und ausreichen? Findet sich eine Erstaufnahme-Einrichtung zur Registrierung und Familienzusammenführung? In solchen Fällen können unsere KollegInnen des Sozialamtes mit Vermittlung bei den Einrichtungen mehrfach weiterhelfen.
  • Eine junge Syrerin, die seit zwei Jahren in der Nachbarstadt wohnt, hat erfahren, dass ihre Familienangehörigen im Transit Camp angekommen sind. Da sie sich in Nürnberg nicht auskennt, läuft sie den Weg vom Hauptbahnhof bis zum Stadionbad, um sie abzuholen. Sie spricht gut Deutsch, absolviert eine Ausbildung und wird ihre Angehörigen betreuen. Auf ihre Bitte begleite ich sie mit mehreren Erwachsenen und Kindern zur S-Bahn. Wie so oft, erlebe ich Würde, als ich wiederholt anbiete, eine schwere Reisetasche mitzutragen. Höflich wird dies ausgeschlagen. Wir gehen am Zeppelinfeld vorbei; die junge Syrerin hat bereits von der nationalsozialistischen Geschichte gehört. Sie fragt schöne Fragen, unter anderem ob und was ich lese – aus der Tasche ziehe ich das Reclam-Heft von Aischylos, Die Schutzsuchenden. An der S-Bahn-Station Frankenstadion lösen wir am Automaten Fahrkarten für die Familie und verabschieden uns.
  • Ein 16-jähriger Afghane spricht gutes Englisch und weiß, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonderen Schutz genießen. Er fragt, ob er besser hier bleiben oder nach Berlin reisen soll. Er will Philosophie studieren, Bertrand Russell und Martin Heidegger lesen. Wir haben im Transit Camp bei einem Becher Tee nicht genügend Muße zu besprechen, wie er auf diese beiden, so  durchaus unterschiedlichen Denker kommt. Helfer am Grenzübergang Passau hatten ihm die ersten Sätze in deutscher Sprache notiert. So fragt er nach der Aussprache: „Wouhäär kommst Du?“ Wir üben: woher kommst Du? Der Sozialdienst nimmt ihn in Obhut. Seine Reise wird nicht zu Ende sein. Eine Ehrenamtliche hält Kontakt mit ihm. Er ist in einer anderen Einrichtung angekommen, lernt täglich Deutsch und strebt einen Schulabschluss an, um studieren zu können. Die ehrenamtliche Begleiterin erzählt, er komme aus einer armen Familie, sei drei Monate auf der Flucht gewesen; auf ihn wurde geschossen und er erlebte Schreckliches und Hilfreiches auf dem Weg.

Diesen und allen anderen Ankommenden wünsche ich von Herzen, dass sie eine sichere und wohlgesonnene Zuflucht finden. „Wohin gehen wir?“ Dies wissen wir für die Schutzbefohlenen nicht zu beantworten. Der „Lernort“ Stadionbad vermittelt Geduld und Besonnenheit. Im Infozelt breiten wir Stadtpläne aus, Karten von Bayern, Deutschland und Europa. Dabei zeigen wir mit den ÜbersetzerInnen, wo gesuchte Städte, Nachbarländer und geografische Ziele liegen.

Das Beitragsbild oben zeigt den Tugendbrunnen bei St. Lorenz in Nürnberg mit den Figuren der Liebe und der Hoffnung.

 

Syrische Familie findet wieder zusammen – Reunion of a syrian family

English version see below –

Wie eine syrische Familie im Transit Camp Stadionbad Nürnberg wieder zusammen fand, erzählen die Freiwilligen auf der Facebook-Seite „Nürnberg engagiert“ in der Nachricht vom 15. Oktober 2015

„Update Situation Transitunterkunft Stadionbad:
Jetzt ist es spruchreif: Das Stadionbad wird dieses Jahr nicht mehr als Transitunterkunft genutzt, dafür ist es mittlerweile auch eindeutig zu kalt. Um einen Schlusspunkt für diese Situation zu setzen, habe ich hier noch eine rührende Geschichte für Euch:
Unter den rund 200 Personen, die vergangenen Dienstag kurzfristig bei Starkregen gegen 23 Uhr ankamen, war eine Frau mit ihren zwei Söhnen (etwa 3 und 10) aus Syrien. Sie sind auf dem Landweg zu uns gekommen und waren gut 3 Monate hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Am Mittwoch, als die Busse ankamen, um die Flüchtlinge weiter zu bringen, blieb sie mit ihren Kindern „übrig“. Sie bestiegen keinen der Busse. Mit Hilfe der engagierten ehrenamtlichen Übersetzer konnte geklärt werden, dass sie auf ihren Mann warte, der bereits seit über einem Jahr in Deutschland ist. Sie haben sich 1 1/2 Jahre nicht gesehen. Via Handy konnte Kontakt zu ihrem Mann aufgenommen werden, der in einer Flüchtlingsunterkunft bei München untergebracht ist. Mit einem Bekannten, auch Syrer, machte er sich umgehend auf den Weg nach Nürnberg, um seine Familie abzuholen. Am Hauptbahnhof angekommen konnten beide, wieder mit Hilfe der Übersetzer, den doch nicht ganz unkomplizierten Weg zum Stadionbad finden. Die Familienzusammenführung brachte selbst gestandene Sicherheitskräfte aus der Fassung. Nach 1 1/2 Jahren, ohne Garantie sich jemals wieder zu sehen, war die Freude auf beiden Seiten riesig. Für die Kleinen ging die Sonne auf, als sie ihren Papa sahen und auch die Eltern waren sichtlich gerührt. Der Mann sprach schon gut Deutsch und konnte ein wenig berichten, hauptsächlich war er jedoch und verständlicherweise seiner Familie zugewandt. Auf Augenhöhe diskutierte er mit seiner Frau und herzte die Kinder. Die Kleinen hingen an den Beinen der Eltern. Auch der Bekannte sprach gut Deutsch und war offensichtlich schon gut integriert, weswegen er sich wohl überhaupt im Deutsche-Bahn-Dschungel zurechtfand. Zu fünft brachen sie dann wieder auf Richtung München, zum Nürnberger Hauptbahnhof wurden sie von einer Freiwilligen gebracht. Übrig blieben aber die Kunstwerke des Jüngsten, die er während der Wartezeit im Stadionbad zusammen mit seiner Mutter gemalt hatte….
Die Deutschkenntnisse der beiden Syrer, des Papas und seines Bekannten, haben uns sehr beeindruckt. Und auch der Umgang zwischen den Eheleuten und der Kinder war sehr bemerkenswert. Für uns war diese rührende und liebevolle Szene wichtig, um zu sehen, wofür wir arbeiten, uns engagieren und die ein oder andere Nacht im Regen schuften. Das wollten wir mit Euch teilen.“

English version:

Reunion of a syrian family, told by volunteers

On Tuesday, 6th October, around 200 people arrived at the transit camp at 11 p.m. during pouring rain. Among them was a woman from Syria with her two sons, around three and ten years old. They had been travelling for almost three month, most of it by foot. On Wednesday, when the busses came, to take the guests to the refugee centers, the family stayed behind at the camp and did not enter on of the busses. Talking to the family, our volunteer translators found out, that they were waiting for their husband and father, who stays in Germany already for more than a year. They had not seen each other for one and a half years. Via mobile phone they could get in touch with the husband who stays at a refugee accomodation in the Munich region. Together with a friend, he immediately set off to catch his family at Nuremberg. With the assistance of the translators, they made their way from the central station to the transit camp, which is not easy to find for someone who does not know the place.

The family reunion was moving, even for security and service personnel with experience. After one and a half years, it was great happiness on both sides. It was a sunrise for the boys to meet their father again, and the parents were touched deeply. The man speaks a good German already and so he could report a bit, but of course mainly talked to his wife and children. They talked to each other and hugged the children who stuck to their legs. The syrian friend also spoke a fluent German, so they could make their journey on the German Railway transport. So the five of them left the camp and headed for the home at Munich. A volunteer took them to the central train station. What remained at the camp were the drawings of the young boy which he did together with his mother while waiting.

The family was very impessive to us, also the knowledge of the German language of both of the Syrians. This loving scene and touching story is important to us. We see what and whom we are working for and why we spend nights out in the rain. This we want to share with you.