Universales Lesen

Liebe Leser*innen,

lesen in der Universal-Bibliothek von Reclam. Herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag! Hier ein persönlicher  Beitrag.

     

Philosophie

Mein Lieblingstext und meist gelesenes Reclam-Heft ist Platons Gastmahl – über den Eros. Wie Sokrates und seine Freunde über die Liebe philosophieren – bleibt unvergleichlich. Diotima in der Schilderung von Sokrates: „Wohlan, ich will es dir sagen. Es ist nämlich ein Zeugen im Schönen, sei es im Leibe, sei es in der Seele“. (S. 79)

Platons Schüler und Kritiker Aristoteles eröffnet seine Metaphysik: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen …“ (S. 17)

Einmal hatte ich an den Reclam Verlag geschrieben und gebeten, Aristoteles‘ „Über die Seele“ heraus zu bringen, und wenige Jahre später freute mich die Ausgabe in Griechisch und Deutsch:

„Weil man die Seele hauptsächlich durch zwei unterschiedliche Merkmale bestimmt, nämlich durch Ortsbewegung einerseits und Denken, Begreifen und eine Art von Wahrnehmen andererseits, so scheinen auch das Denken und Beurteilen so etwas wie Wahrnehmen zu sein … “ (S. 139)

In Diogenes Laertius „Leben und Lehre der Philosophen“ finden sich viele Erläuterungen. Cicero war ein weiteres Lese-Erlebnis; er hatte die griechischen Erfahrungen ins Römisch-Lateinische übertragen und überliefert. „Es gibt ja kein Gebiet, auf dem die menschliche Tugend dem göttlichen Walten näher kommt, als wenn es gilt, neue Staatswesen zu gründen oder das Bestehen bereits gegründeter zu sichern.“ (Über den Staat, S. 23)

Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen unter anderem: „Wer aber eine vernünftige, welt- und staatsbürgerliche Seele hochachtet, der hat kein anderes Interesse mehr, dagegen sucht er seine eigne Seele in vernünftiger und gemeinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten und hierzu auch den Mitgenossen seines Geschlechts behilflich zu sein.“ (S. 87)

Boethius‘ „Trost der Philosophie“ übersetzte das antike Denken ins Mittelalter: „Das vollkommene Gute aber, so haben wir aufgestellt, ist das vollkommene Glück. Das wahre Glück also muß notwendig in Gott, dem Höchsten, wohnen.“ (S. 103)

Was wären die Menschenrechte, unser Grundgesetz ohne die Menschenwürde, die Pico della Mirandola begründete: „Über die Würde des Menschen“: „Hochverehrte Väter! In den Schriften der Araber habe ich gelesen, der Sarazene Abdala habe auf die Frage, was sozusagen auf der Bühne dieser Welt als das Bewundernswerteste erscheine, geantwortet, nichts erscheine der Bewunderung würdiger als der Mensch.“ (S. 5)

So geht es weiter bei Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Ich bin als Bürger eines freien Staates geboren und Glied des Souveräns, und so schwach auch der Einfluß meiner Stimme auf die öffentliche Angelegenheiten sein mag – mein Stimmrecht genügt, mir die Pflicht aufzuerlegen, mich darin zu unterrichten.“ (S. 5)

Neuere Philosophie

Was hat die Universal-Bibliothek von Reclam alles zu bieten, darunter:

  • Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen“
  • Schellings „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“
  • Schleiermachers „Über die Religion“
  • Marx und Engels „Manifest der kommunistischen Partei“
  • Thomas Nagel „Was bedeutet das alles?
  • Manuela Di Franco „Die Seele. Begriffe, Bilder und Mythen“
  • und so weiter und so fort …

Literatur

  • Ovid,  Liebeskunst
  • Apuleius, Das Mächen von Amor und Psyche
  • Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie
  • Johannes von Tepl, Der Ackermann und der Tod
  • Die Pegnitz-Schäfer. Nürnberger Barock-Dichtung
  • Wackenroder / Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
  • Johann Wolfgang Goethe, Faust
  • Friedrich Hölderin, Hyperion
  • Christoph Martin Wieland, Musarion
  • Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas

Theater

Über die älteren und neueren Theaterstücke gibt es ebensoviel zu erzählen – Reclam sei Dank. Seien es die antiken Dramen  von Sophokles, Euripides, Aischylos und Komödien von Aristophanes – oder Shakespeare und die Modernen.

"Chorführerin:
Der Ankömmlinge schützt, Zeus schaue herab
Auf unseren Zug, der zu Schiffe sich hob
Von den Dünen feinkörnigen Sands im Gemünd
Des Nils. Ist sein ja das Land auch
Aus Syriens Grenzen, aus dem wir entflohn, 
Nicht daß blutige Schuld durch das Urteil des Volks
Die Heimat zu meiden uns zwänge,
Nein, aus eigenem Trieb, vor den Männern zu fliehn,
Verschmähend die Eh' mit den Söhnen Aigypts
Und ihr göttermißachtendes Treiben. ..." 
Aischylos, Die Schutzsuchenden, S. 5

"Chor
Ungeheuer ist viel und nichts
Ungeheuerer als der Mensch. ...
Sophokles, Antigone, S. 18
"Die Welt scheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit, die Suche nach einer wesentlichen, vergessenen, unbenannten Realität, außerhalb derselben ich nicht zu sein glaube, wollte ich ausdrücken - mittels meiner Gestalten, die im Unzusammenhängenden umherirren und die nichts ihr eigen nennen, außer ihrer Angst, ihrer Reue, ihrem Versagen, der Leere ihres Lebens. Wesen, die in ein etwas hinausgestoßen sind, dem jeglicher Sinn fehlt, können nur grotesk erscheinen, und ihr Leiden ist nichts als tragischer Spott. Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.
Eugène Ionesco, Die Stühle. Der neue Mieter, Vorsatz

 

Reclam Leipzig

  • Albrecht Dürer, Schriften und Briefe, Leipzig 1978: „Die groß Kunst der Molerei ist vor viel hundert Johren bei den mächtigen Künigen in großer Achtbarkeit gewesen, dann sie machten die fürtrefflichen Künstner reich, hieltens wirdig, dann sie achteten solche Sinnreichigkeit ein geleichförmig Geschöpf noch Gott. Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär,  daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allbeg etwas Neus durch die Werk auszugießen.“ (S. 153)
  • Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike, Leipzig 1977
  • Sebastian Brant, Das Narrenschiff. Texte und  Holzschnitte der Erstausgabe 1494 …, Röderberg Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Reclam Leipzig 1980)
  • und andere

Reclam Leipzig und Stuttgart schauen in die Welt

Annemarie Schimmel war die Übersetzerin und Interpretin der arabischen und und persischen Literatur. Mehr davon bietet Reclam mit Al-Farabi und Ibn Kaldun.

Und sonst?

  • Das meist gebrauchte und zerfledderte ist bei mir das Fremdwörterbuch
  • In den Arbeitstexten für den Unterricht, deutsche Kurzgeschichten für das 9.- bis 10 . Schuljahr, mochte ich Heinrich Böll, „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“
  • Die „Leseliste“ bietet eine Anleitung mit 600 Titeln zum Weiterlesen
  • Im Universal-Notizbuch sammle ich Herbstgedichte …

Gute Wünsche dem Reclam Verlag und eindrucksvolle Bildungs-Erlebnisse allen Leser*innen

Bernd Arnold

 

Reclam Verlag: https://www.reclam.de/

 

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Beautiful Fountain – Schöner Brunnen

In the Old Town of Nuremberg one of my beloved sights is the Beautiful Fountain at the Main Market Place. The medieval Fountain had been restored for quite a while recently, and a sunny day gives the opportunity to take some fresh photographs of it. Among fourty sculptures, in the first line we find the representatives of the seven liberal arts and philosophy:

  •  Donatus: Grammar
  •  Cicero: Rhetoric
  •  Aristoteles: Dialectic
  •  Nikomachus: Arithmetic
  •  Euklid: Geometry
  •  Ptolemaeus: Astronomy
  •  Pythagoras: Music
  •  Socrates: Philosophy.

Please click at anyone for the picture gallery:

Along with the restoration, not only the static of the fountain was secured and the colours have been refreshed, but also the well was set in function again. In medieval times, the fountain had an important role in water supply. In a transferred sense, the water well symbolizes the well of wisdom as it was and still may be found through philosophy.

If you ever come to see Nuremberg, take a look at the Beautiful Fountain. Blog followers are kindly invited to share a philosophical guided tour and their reflections.

 

 

Deutschstunde – German Lesson

An der heutigen Deutschstunde will ich Euch teilhaben lassen. Readers in English language please see down below.
Herr A. J. sprach an, dass er gestern eine erneute Duldung für drei Monate bekommen hat. Derzeit hat er einen Deutschkurs, und wir wiederholten und ergänzten seinen Schreibblock:
„Sein Nachbar muss zurück nach Afghanistan
Die Polizei ist gekommen
Sie hat ihn abgeholt
Die Polizei hat seinen Nachbarn nach München gebracht
Es gab eine Bomben
explosion in Kabul
Viele Menschen wurden getötet oder verletzt
Es gab Viele Tote und Verletzte“
Wir wiederholten den Text, die Sätze und Wörter mit Aussprache. Herr A. J. erzählte weiter – hier in meiner Formulierung und Wiedergabe:
„Das Flugzeug ist nicht abgeflogen.
Die Abschiebung ist ausgesetzt.
Der Nachbar ist zurück gekommen.“

 

Fotos zum Vergrößern anklicken.

English version:
At todays German Lesson, Mister A. J. told that his temporary suspension of deportation (Duldung) was prolongued for three months. He attends a German class, and we repeated his lesson and notices:
„His neighbour has to go back to Afghanistan
Police came
and took him away
Police took his neighbour to Munich
There was a bomb
explosion in Kabul
Many people were killed or hurt
There were many deads and injured“
Repeating the text, sentence and words with pronunciation, Mister A. J. continues the story – here in my words:
„The plane did not start off
The deportation was cancelled
The neighbour came back“

Pulse of Europe

Am Sonntag gab es wieder die Möglichkeit, Pulse of Europe  (Version in English language available there) – kennen zu lernen, die Bürgerinitiative für Europa. Sie ist in vielen Ländern und Städten tätig und versammelt dabei zahlreiche Bürger*innen, die sich für die europäische Idee sowie für friedliche und zivile Zusammenarbeit engagieren:

Unser Ziel und Beitrag

Wir sind überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen an die Grundidee der Europäischen Union und ihre Reformierbarkeit und Weiterentwicklung glaubt und sie nicht nationalistischen Tendenzen opfern möchte. Es geht um nichts Geringeres als die Bewahrung eines Bündnisses zur Sicherung des Friedens und zur Gewährleistung von individueller Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit.

Die Fotos der Galerie durch Anklicken vergrößern.

In Nürnberg trafen sich ein paar Hundert Teilnehmer*innen an der Lorenzkirche. Zunächst schwiegen wir eine Minute zur Anteilnahme für die Opfer des Terrroranschlags in London. Nachher sprach dazu ein britischer Redner. Die Pfarrerin von St. Lorenz erläuterte an diesem Pfingstsonntag, wie der Geist sprachliche Grenzen überwindet zu einer Verständigung – gerade auch im ökumenischen Sinne.

Die Initiatoren trugen den Offenen Brief der Initiative an Europäische Politiker vor, nachzulesen auf der Internet-Seite. Engagierte trugen zehn Thesen zu Europa vor, andere meldeten und kommentierten Nachrichten aus der europäischen Politik der letzten vier Wochen.

Mehrere Sprecher*innen kritisierten die Polizei-Aktion zur Abschiebung eines afghanischen Schülers aus seiner Schulklasse im Nürnberger Berufsschulzentrum vor einigen Tagen mit klarer Unterstützung der Versammlung.

Eine Sängerin gab den Ton an zu Carols Kings „You’ve got a friend“. Die Teilnehmer*innen bildeten ein Ypsilon als Buchstaben zu der europäischen Foto- und Filmaktion „We say hello – don’t say goodbye“ zum Beatles-Song „Hello, Goodbye“ in bezug auf den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die entsprechenden Verhandlungen.

Schließlich sangen wir die Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven mit drei Versen von Friedrich Schiller – die Europa-Hymne. Eine Menschen-Kette zu den Tönen des Pulsschlages oder Herzschlages rundete die Versammlung ab.

Hier erinnere ich mich, wie wir Anfang der achtziger Jahre Woche für Woche freitags bei St. Lorenz einen „Schweigekreis für den Frieden“ bildeten. Der Protest richtete sich gegen die Nachrüstung mit den Mittelstreckenraketen. Die Friedensbewegung konnte nicht verhindern, dass sie aufgestellt wurden, hat wiederum mit ihrem Einsatz wesentlich dazu beigetragen, dass die betreffenden INF-Verhandlungen dazu führten, dass diese Waffen wieder abgezogen wurden. So lernte ich, dass Bürger-Engagement wirkt und mit entscheidet.

Den Initiator*innenen von Pulse of Europe, aktiven und engagierten Teilnehmer*innen wünsche ich international, europäisch, bundesrepublikanisch und lokal in Nürnberg entsprechende Bildungserlebnisse, weiterhin viel Zuspruch, Gehör, Resonanz und Erfolg auf diesem Weg.

 

http://pulseofeurope.eu/

 

Sprechen lernen

Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens, Roman, Luchterhand, München 2009. English readers please check out here.

Von dem Buch wurde bei seinem Erscheinen gesprochen; ich nahm es zu den Wunsch-Lektüren und finde nun Gelegenheit und Muße, es zu lesen. Ortheil gliedert seinen Roman in fünf Teile: I. Das stumme Kind, II. Lesen und Schreiben, III. Die Flucht, IV. Roma und V. Die Rückkehr.

Fotos zum Vergrößern bitte anklicken. „… ich sehe Bild für Bild, ich sehe alle meine Bilder, meine Flucht, mein häufiges Unterwegssein, ich sehe die Menschen, Räume und Dinge in der Geschichte so vor mir, als bewegte ich mich gerade in ihnen.“  S. 584

Der kleine Johannes erlebt seine Kindheit mit den Eltern in Köln; er ist verstummt – oder verstimmt? -, wie seine Mutter, mit der er die Tage zubringt, sie begleitet beim Einkaufen und Spazieren am Rhein, sie nicht stört beim Lesen, mit ihr französische Chansons hört und schließlich von ihr das Klavierspiel erlernt. Der Junge erwartet die Heimkehr des Vaters von der Arbeit. Die Mutter hat ihrem Mann Zettel beschrieben mit dem Tagesgeschehen, die er vorliest. Entwicklungsschritte sind die Zeitschriften vom Kiosk, die Kneipen-Besuche mit dem Vater und die Kirchgänge zum Dom. Die Mutter-Sohn-Symbiose wird gestört durch die Schulanmeldung; der Vater eröffnet dem Jungen, dass er vier verstorbene Brüder habe und sie auf ihn stolz wären. Später wird ihm der Onkel in Essen erzählen, dass die ersten beiden Brüder als Kleinkinder im Krieg starben und danach zwei Totgeburten folgten. Selbst der anfangs wohlwollende und engagierte Klassenlehrer verliert die Geduld mit dem stummen Jungen, der von den Schulkameraden gehänselt – älterer Ausdruck für „gemobbt“ – wird.

Ein Aufenthalt mit dem Vater auf dem Land in der freundlichen Umgebung der familiären Gast- und Landwirtschaft im Westerwald vermag Johannes von der geliebten und verschlossenen Mutter abzulenken und schrittweise zu eigener Wahrnehmung und Bewusswerdung zu verhelfen. Die Zeichnungen und Anleitungen des Vaters – „Das ist eine Eiche“. „Das ist eine Buche“ – ermöglichen bildliches und schriftliches Lernen und Ausdruck. Der Besuch der vermissten und geliebten Mutter ermöglicht dem Jungen schließlich, zum ersten Sprechen aufzubrechen.

Hanns-Josef Ortheil hat sich zum Schreiben dieses Romans nach Rom begeben, schildert das aktuelle Befinden und die Erinnerungsarbeit, die durch die klavierspielende Tochter der Nachbarin angeregt wird. Johannes war nach dem Schulabschluss – in einem bayerischen Klosterinternat und in Köln – nach Rom gegangen und hatte am dortigen Conservatorio Klavier studiert, verliebt in die Südtiroler Literaturstudentin und Gastwirtstochter Clara und in die ewige Stadt.

Das Lese-Erlebnis lässt mich nachdenklich zurück: Wie habe ich selbst sprechen gelernt, welche Hemmnisse und Förderung gab es dabei? Welche Rollen spielten die Familiengeschichte, die Musik und andere Einflüsse?

Meine Lesung der „Erfindung des Lebens“ geschieht vor dem Hintergrund der Begleitung von Geflüchteten beim Ankommen, Orientieren und Sprechen lernen. Da gibt es zu einem fremden Wortschatz die Grammatik mit den Artikeln, Fällen, Komparativen und Superlativen. Was Interrogativ-Pronomen sind, erfuhr ich bei der letzten Sprechstunde. Welche Umstände und Beziehungen fördern den Spracherwerb für Menschen angesichts der Verletzungen und Kränkungen des Krieges, Verlustes von Angehörigen und Heimat?

Hier folgen ein paar subjekt ausgewählte Zitate aus Ortheils „Erfindung des Lebens“:

„Auf dem Hof nannte man diese Stunden Die Sprechstunden, und genau diesen Eindruck machte es auch, wenn Mutter an ihrem kleinen Tisch saß und, ein Bein über das andere geschlagen, ein Buch auf dem Schoß, leicht vorgebeugt, als wollte sie keine Silbe ihres Gegenübers verpassen, ihre Unterhaltungen führte. Manchmal dehnten sich diese Unterhaltungen zu regelrechten Gesprächsrunden aus, und obwohl sich unter deren Teilnehmern oft auch Männer befanden, die durchaus wussten, wie man das große Sagen inszenierte, gelang es meiner Mutter doch fast immer, die Gesprächsführung zu behalten.“  S. 290 / 291

„Als ich bereits etwas älter war, habe ich ihm [dem Vater] gesagt, dass ich meine Spaziergänge und Reisen mit ihm als eine Art Feldforschung betrachtet hätte, da schaute er mich verblüfft an und sagte: Richtig, genau das war es, das Wort lag mir ein Leben lang auf der Zunge!“  S. 291

„Der Trick, den ich anwenden musste, bestand also darin, mich an die Schriftfassung einzelner Lebensgeschichten zu erinnern. Wenn mir das gelang, erzählte ich flüssig und ohne Hemmungen.“  S. 404

„Er braucht aber nach wie vor Zeit, denn all das, was er sieht, hat erst noch einige Fremdheits-Sperren zu überwinden, bis es in seinem Gehirn und vor allem in seinen Empfindungen ankommt. Schaut er nur flüchtig hin, vergisst er sofort wieder, was er gesehen hat, er will aber nicht vergessen, sondern so viel wie möglich behalten, um es meist noch am selben Tag in seine Hefte notieren und damit festhalten zu können.“  S. 415

„In solchen Fällen konnte ich nicht nur mit niemandem reden, sondern trat sogar die Flucht an, um von niemandem angesprochen zu werden. Wie gehetzt suchte ich Orte auf, an denen ich kaum einem Menschen begegnete, und wenn ich endlich einen einsamen Ort gefunden hatte, machte mir die Einsamkeit nach einer Weile derartige Angst, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste, als wieder zurückzukehren an die vertrauten Orte und Räume meiner Kindheit rund um den ovalen Kölner Platz.“  S. 422

„Irgendetwas ist seit meiner Ankunft geschehen, aber ich verstehe nicht, was es ist. Ich spüre nur, dass ich anders als bei meinen sonstigen Fluchten und Reisen weder eine gewisse Anspannung noch irgendeine Unruhe empfinde, im Gegenteil, ich fühle mich leicht, unbeschwert, ja kurz davor, etwas zu singen. Ich will singen? Wieso will ich singen? Was, verdammt nochmal, ist denn bloß mit mir los?“  S. 450

„Wie leicht wird es sein, in dieser Stadt zu leben, ganz leicht. Eine Kirche, ein Café, eine Unterhaltung, noch eine Unterhaltung, diese Stadt ist wie für mich geschaffen, einerseits lässt sie mich vollständig in Ruhe, und andererseits bietet sie mir alles, was ich brauche. Das, was ich brauche, ist einfach vorhanden, an jeder Ecke, es steht da zur freien Verfügung.“  S. 458

„Vom ersten Tag an hatte man mich hier gut aufgenommen und nicht wie einen hergelaufenen Fremden, sondern wie einen wirklichen Freund behandelt.“  S. 472

Als Schluss-Satz zitiert Ortheil den Korinther-Brief: „Nun aber bleiben Hoffnung, Glaube, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen …“

 

Verlagsangaben mit Leseprobe, Autoren-Interview und Rezensionen: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Erfindung-des-Lebens/Hanns-Josef-Ortheil/Luchterhand-Literaturverlag/e271516.rhd#info

Blogs unter anderen bei:

https://privatliteratur.wordpress.com/2016/08/22/der-stumme-junge-schreibt/

»Die Erfindung des Lebens«, Hanns-Josef Ortheil

 

 

 

 

 

 

 

 

Bäume für die Menschenrechte

In Nürnberg gibt es eine Initiative „Bäume für die Menschenrechte“, die seit zehn Jahren im ganzen Stadtgebiet Ginkgo-Bäume pflanzt und die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 anspricht.

Ein Spaziergang im Frühling auf dem Rechenberg zeigt drei der Bäume mit ihren zarten Blätterknospen. Drunten in der Stadt sind die Ginkgo-Straßenbäume bereits etwas weiter. Die folgende Foto-Galerie zum Vergrößern bitte anklicken.

Weiteres zur Idee und Geschichte der „Bäume für die Menschenrechte“ hier unter:

https://baeume-fuer-die-menschenrechte.nuernberg.de/aktuelles/

English summary:

In Nuremberg, there is an initiative „trees for the human rights“ which has been planting ginkgo trees for ten years in the whole city and appeals to the articles of the general declaration of the human rights of the United Nations of 1948.
A walk in the spring on the Rechenberg shows three of the trees with their tender buds. Down town the ginkgo street trees are already a little further. Please click the photo gallery for increasing or check out the link for the idea and history of the „trees for human rights“ in German language.

 

 

Das Leben verstehen * Understanding life

English readers please check out the book of Wilhelm Schmid here on the publishers page.

Wilhelm Schmid schreibt „Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers“.

Wer Wilhelm Schmids Werke schon eine Weile liest, freut sich über sein neues Buch, denn hier schreibt er über seine praktischen Erfahrungen im Krankenhaus Affoltern am Albis im Kanton Zürich, wovon schon lange die Rede, aber nicht viel zu lesen war. Schmids Essay „Vom Sinn der Schmerzen“ führte zu der Einladung, im dortigen Spital tätig zu werden. Ab 1998 übernahm er für zehn Jahre die Philosophiewochen: Gespräche mit den Patienten am Krankenbett, Pflegern und Ärztinnen, Workshops mit den Mitarbeitenden, Vorträge und Werkstätten über die Lebenskunst.

In den für Wilhelm Schmid zunächst überraschenden Gesprächen mit den Klienten geht es um Brüche und Lebenskrisen, den Umgang mit sich selbst und Neuanfänge, Schönes und zu Genießendes, Glücklich sein oder den Sinn – endlich um die Lebenskunst angesichts des Todes. Gefragt sind „geistige Nahrung“ (S. 16), das Zuhörenkönnen (S. 115), das Gespräch und die Beziehungen (S. 115 f).

"Was ich der Zeit in Affoltern verdanke, ist ein enormer Reichtum an Empirie im Sinne von Erfahrungen, die zum Korrektiv für meine eigenen Theorien werden konnten. Der vorliegende Bericht davon will nicht etwa ein Modell schildern, das auf andere Situationen und Institutionen übertragbar wäre, sondern diskutable Beispiele für eine philosophische Praxis im weiteren Sinne vorstellen." S. 13

"Meine Rolle in diesem Rahmen ist, einen Raum anzubieten, in dem über das Leben nachgedacht werden kann, um es besser zu verstehen. [...] 
So privat die Lebenskunst zunächst zu sein scheint, so politisch fällt sie letzten Endes aus, wenn es um die Bedingungen und Möglichkeiten des Lebens geht, die nicht nur vom jeweiligen Individuum abhängen." S. 235 f

Ebenso eingehend spricht der Autor mit dem Personal im Krankenhaus „quer durchs ganze Haus“ und nennt dies „transversale Arbeit“ – mit Wirkungen und Nebenwirkungen. Wilhelm Schmid besucht die Verwaltung, den Operationssaal und philosophiert mit der Ärzteschaft. Gleichermaßen reflektiert er mit den Pflegenden, den Kräften der Physiotherapie und Psychotherapie sowie der Psychiatrie und Theologie.

Wilhelm Schmid versteht sich als weltlicher Seelsorger, leitet den Begriff der Seelsorge von Sokrates und Platon her und entfaltet ihn aus der philosophischen Tradition mit Bezug auf Michel Foucault (S. 167 f). Leistet das philosophische Gespräch Rat oder Beratung? Was treibt dass Gespräch an? Was bedeutet Selbstbestimmung? Kann Philosophie Lebenshilfe leisten – was umstritten ist und hier und da bezweifelt wird.

"Das Leben braucht Möglichkeiten, eine Wirklichkeit ist zu wenig für einen Menschen." S.183 

"Wie die Erfahrung zeigt, kann das bloße Gespräch schon Wunder bewirken. Und das hat Gründe, denn endlich erfährt ein Mensch die Aufmerksamkeit, die ihm fehlte, die Zuwendung, die er entbehrte. Das ist der große Gewinn der Gespräche: Die Macht der Aufmerksamkeit wird erfahrbar, und dies wechselseitig." S.196   

"Der eigentliche Gewinn der philosophischen Gespräche ist Sinn. Philosophieren heißt, die Frage nach dem Sinn ernst zu nehmen und die möglichen Antworten darauf zu erörtern. Durch das gemeinsame Innehalten und Nachdenken über Sinn, durch Besinnung in jedem Sinne, werden bestehende Zusammenhänge klarer und sind neue zu erschließen." S. 197 f

Der Autor fragt sich selbsterfahrend: „Wozu das Alles?“ und taucht weiter ein in die Fragen, was Krankheit sei, seit wann es Krankenhäuser gibt wiederum anhand von Foucault, und wie sie etwas anders gestaltet werden könnten.

Im weiteren Kapitel betrachtet Wilhelm Schmid seine Leib- und Magenthemen der Lebenskunst wie die Kürze des Lebens, Heiterkeit und Zorn, Freiheit und Form, die Kunst des Berührens und Berührtwerdens, wie auch die Schattenseitens des Lebens mit den Machtfragen und Ohnmachtserfahrungen, Sinn und Sinnlosigkeit. Wie in seinen bekannten Büchern erläutert Schmid den Umgang mit Menschen und sich selbst, denkt nach über Liebe, Lieblosigkeit und andere Liebe sowie das Menschsein als in Beziehung sein.

"Heiterkeit beruht auf dem Erfülltsein von den zahllosen und gegensätzlichen Phänomenen des Lebens, die ein Mensch immer und überall erfahren kann." S. 245

"Philosophieren heißt, die vielen kleinen und großen Zusammenhänge von Leben, Liebe, Arbeit und Welt zu bedenken, um die eigene Rolle und die von Anderen in diesem Rahmen klarer sehen zu können." S. 315

In der weiteren theoretischen und praktischen Werkstatt geht es um Gewohnheiten im Pflegeheim, Überbelastung in der Arbeit, das lange Arbeitsleben, starke Teams für Krebskranke, pflegerischen Umgang mit Sterben und Tod. Gemeinsam wird in der Seelengruppe der Deutung der Seele nachgegangen (S. 130, 345 – 350).

Schließlich nimmt Wilhelm Schmid Abschied vom Haus, fragt was von seiner Tätigkeit bleibe und was sich daraus für die akademische und freie Philosophie Philosophie ergebe.

"Gerne würde ich mit diesem Buch dazu beitragen, dass die Philosophie sich entschiedener als bisher mit Lebensfragen befasst." S. 380

 

Wilhelm Schmid, Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 382 Seiten

Leseprobe, Angaben über Autor und weitere Schriften auf der Verlagseite:

http://www.suhrkamp.de/buecher/das_leben_verstehen-wilhelm_schmid_42569.html

Deutschlandradio Kultur führte ein Gespräch mit Wilhelm Schmid zu diesem Buch  (ab 15 Minuten):

http://www.deutschlandradiokultur.de/sein-und-streit-die-ganze-sendung-der-philosophische.2162.de.html?dram:article_id=365543

Die Seite von Wilhelm Schmid findet sich hier:

http://www.lebenskunstphilosophie.de/index.htm

WordPress bietet an, einen Beitrag im „Photo Challenge“ zum Thema „Resilient“ zu senden:

Resilient

Beim Daily Prompt zu „Hopeful“ bietet sich dieser Beitrag ebenfalls an:

Hopeful

Viel Glück, alles Gute, Frieden, Gesundheit und Wohlergehen für das neue Jahr 2017!

Happy new year, all the best, peace, health and well-being in 2017!