„Gegenwind“ beim Nürnberger Bardentreffen – „Headwind“ at the World Music Festival

Readers in English language please check out the English page of the festival here.

„Gegenwind“ lautet das Motto des diesjährigen 42. Bardentreffens in Nürnberg.  Wie seit Jahrzehnten läutet es die Schulferien ein und bietet die schönsten Tage des Sommers in Nürnberg, und meistens spielt auch das Wetter gut mit. Die Nürnberger treffen sich mit Freunden und Gästen in der Stadt, und über den Plätzen und Gassen wölbt sich der Himmel der Musik.

Die Veranstalter des Projektbüros im Kulturreferat der Stadt Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk, Studio Franken, machten in Anspielung auf die globale Großwetterlage einen „Gegenwind“ aus und stellten die „Luftklinger“ – Blasinstrumente – in den Mittelpunkt des Festivals.

Dank mehrerer Förderer gilt nach wie vor: „umsonst und draußen“. Eintritt frei, und wer das Bardentreffen unterstützen will, erwirbt das Programm-Heft, eine nette Pin-Nadel – in diesem Jahr ein Saxophon – und versorgt sich mit fränkisch-internationalen Speisen und vorzugsweise fränkischen Bieren, Weinen, Wässern oder Säften des gastronomischen Angebotes.

Im Bühnenprogramm konnte ich in diesem Jahr folgende Bands wahrnehmen; Zitate aus der Internet-Seite des Bardentreffens:

Freitag:

Fanfaraï nimmt die Tradition algerischer Straßenkapellen auf, die einst an Festtagen aufspielten. Deren Instrumentarium haben die Musiker um Blechblasinstrumente erweitert und das Repertoire mit Latin- und Jazz-Klängen bereichert. Die französische Kapelle nennt ihren fröhlichen Sound die „untypischste Blasmusik vom Maghreb“ und in Verbindung mit einer temperamentvollen Show hat sie sich damit schnell von der Straße auf die Bühne gespielt.“ Nachsehen und hören unter:  http://tournsol.net/artist/fanfarai-en/

Samstag:

Tuuletar hat sich nach der Windgöttin in der finnischen Mythologie benannt. Das passt, denn seit 2012 wirbeln die vier exzellenten Sängerinnen mit frischem Wind die Folkszene auf. Die temperamentvollen Damen bedienen sich an der reichen finnischen Folktradition ebenso wie bei Klassik, Pop, elektronischer Musik und Sprechgesang und machen daraus das, was sie Vocal-Folk-Hop nennen.“ Ihr Internet-Auftritt:  http://tuuletar.com/en/

„Als „purer Musikzauber“ und „fast ein Wunder“ wird der fesselnde Sound der anglo-irischen Band Flook von Publikum und Kritikern empfunden. In den 1990er-Jahren war sie die „Supergruppe“ der Weltmusikszene und von der Magie und Energie von damals haben sie bis heute nichts eingebüßt.“ Mitreißende Flötentöne, Gitarre und Bodhran, windstille Lullabies und stürmische Tanzstücke von der irischen See – im Netz unter: http://www.flook.co.uk/

Hank Shizzoe ist ein gefragter Gitarrist, Produzent und Songschreiber. In seiner knapp 25-jährigen Karriere hat er schon mit so einigen Größen der Musikbranche gespielt, für den „Rolling Stone“ ist er „der beste Roots-Rock-Songwriter und Gitarrenstilist, der nicht aus den USA kommt“.“ Der Schweizer bietet auf seiner Internet-Seite interessante Hörstücke:  http://www.hankshizzoe.com/

Die Fotogallerie des Tages bitte zum Vergrößern anklicken. Im Schaufenster der Buchhandlung Korn & Berg am Hauptmarkt spiegelt sich die Frauenkirche. „Die älteste Buchhandlung Deutschlands“ bietet nicht nur gute Auswahl und Beratung, sondern gestaltet auch ihre Auslagen kreativ und aktuell. In St. Katharina, der Ruine der Klosterkirche, spielten Tuuletar; auf dem Sebalder Platz Flook und Hank Shizzoe.

Was wäre das Bardentreffen ohne die zahlreichen Musiker*innen und Ensembles auf der Straße – alte Barden lassen Minnelieder verlauten, weitgereiste Bands und musischer Nachwuchs lassen ihr Können und Lernen hören. So sind an allen Ecken, Nischen und Winkeln in der Nürnberger Altstadt wohlig bekannte oder erfrischend neue Klänge zu vernehmen, sei es an der Pegnitz und auf ihren Brücken, in Geschäftspassagen oder „Rockin‘ Lafayettes“zu Füßen des „Meistersingers“ Hans Sachs – anklicken vergrößert die Aufnahmen:

Die Musen bebildert auch der Schöne Brunnen, kürzlich im Tageslicht gebloggt, hier mit nächtlichen Aufnahmen von Pythagoras und Hirtenflöte, David und Leier sowie dem kleinen Trommler, Bläser, Lautenspieler und Amor:

Sonntag:

Ein heißer Nachmittag, abkühlender Regen und ein schöner Ausklang auf dem Sebalder Platz am Sonntagabend.

European Tuba Power ist ein Gipfeltreffen der vier angesagtesten Tubisten unserer Zeit: Andreas Martin Hofmeir, Alessandro Fossi, János Mazura und Roland Szentpál. Die preisgekrönten Musiker haben ein Kraftpaket geschnürt. Für große Begeisterung sorgen bei den Konzerten vor allem aber die im Verbund mit dem Schlagwerker Christoph Huber dargebrachten Jazz-Arrangements von Duke Ellington oder Charlie Chaplin, die Pop-Hits der Red Hot Chilli Peppers und einzigartige Tuba-Technos.“ Tuba-Professor Hofmeir im Internet:  http://andreas-martin-hofmeir.com/

„Im Januar wurde Stephan Zinner in der Tafelhalle der Sonderpreis des Deutschen Kabarett-Preises 2016 verliehen. Weil der aus Film, Fernsehen und Theater bekannte Oberbayer „ein vielfach begabter, intelligenter Unterhalter“ ist, „der aus unserem aberwitzigen Alltag auf der Bühne etwas Besonderes machen kann.“ Wie er locker plaudernd und Gitarre spielend die schrägen Momente im Leben auf die Spitze treibt ist einfach spitze.“ Zinners Heimat-Seite ist hier zu finden:  http://www.zinner-music.de/index.html

Der Bayerische Rundfunk überträgt eine Zusammenfassung des Bardentreffens an den Sonntagen 6. und 13. August 2017 jeweils von 21.05 bis 22 Uhr in seinem Hörfunkprogramm Bayern 2 und am 30. Juli 2017 mit Live-Schaltungen zum Hauptmarkt und zur Katharinenruine.

Rückblick:  Bardentreffen 2016

 

Henry David Thoreau 200

„Henry David Thoreau wird als geistiger Vater Gandhis, Martin Luther Kings und der gegenwärtigen Friedensbewegung immer bedeutender. Ein  Pionier für Natur- und Umweltschutz, alternative Lebensformen, „Zivilen Ungehorsam“.

Henry D. Thoreau mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Hans-Dieter und Helmut Klumpjan, rowohlt monographie, Reinbek bei Hamburg 1986

Illustrationen aus dem Band und weitere Titel – bitte zur Vergrößerung anklicken:

Zum 200. Geburtstag Henry Davids Thoreaus am 12. Juli 2017.

Bei WordPress gibt es in mehreren Blogs Besprechungen und schöne Zitate zu finden und Links zu weiteren Medien.

Dazu eine aktuelle Ausstellung bei The Morgan Library & Museum in New York, die Thoreaus Tagebücher behandelt:

http://www.themorgan.org/exhibitions/thoreau

Hörfunksendung des Südwestdeutschen Rundfunks als Audio-Podcast:

Henry David Thoreau: Vordenker des zivilen Ungehorsams

06.07.2017 | 28 Min. | Quelle: SWR

„Bis heute wird Thoreau als Popstar der Ökologie-Bewegung gefeiert und als wiederentdeckter Held des globalisierten Widerstandes gegen den Staat. Ist das alles nur ein Mythos?“

In der Sendung kommen zu Wort unter anderen Frank Schäfer, Autor einer neuen Biografie, sowie der Herausgeber der Tagebücher:

Frank Schäfer, Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell. Eine Biographie, Suhrkamp Taschenuch 2017

Henry David Thoreau, Tagebuch I, Originaltitel: The Journal (Englisch), Übersetzung: Rainer G. Schmidt, Matthes & Seitz, Berlin 2016

Tagebuch II, Übersetzung: Rainer G. Schmidt, 2017

 

 

Deutschstunde – German Lesson

An der heutigen Deutschstunde will ich Euch teilhaben lassen. Readers in English language please see down below.
Herr A. J. sprach an, dass er gestern eine erneute Duldung für drei Monate bekommen hat. Derzeit hat er einen Deutschkurs, und wir wiederholten und ergänzten seinen Schreibblock:
„Sein Nachbar muss zurück nach Afghanistan
Die Polizei ist gekommen
Sie hat ihn abgeholt
Die Polizei hat seinen Nachbarn nach München gebracht
Es gab eine Bomben
explosion in Kabul
Viele Menschen wurden getötet oder verletzt
Es gab Viele Tote und Verletzte“
Wir wiederholten den Text, die Sätze und Wörter mit Aussprache. Herr A. J. erzählte weiter – hier in meiner Formulierung und Wiedergabe:
„Das Flugzeug ist nicht abgeflogen.
Die Abschiebung ist ausgesetzt.
Der Nachbar ist zurück gekommen.“

 

Fotos zum Vergrößern anklicken.

English version:
At todays German Lesson, Mister A. J. told that his temporary suspension of deportation (Duldung) was prolongued for three months. He attends a German class, and we repeated his lesson and notices:
„His neighbour has to go back to Afghanistan
Police came
and took him away
Police took his neighbour to Munich
There was a bomb
explosion in Kabul
Many people were killed or hurt
There were many deads and injured“
Repeating the text, sentence and words with pronunciation, Mister A. J. continues the story – here in my words:
„The plane did not start off
The deportation was cancelled
The neighbour came back“

Pulse of Europe

Am Sonntag gab es wieder die Möglichkeit, Pulse of Europe  (Version in English language available there) – kennen zu lernen, die Bürgerinitiative für Europa. Sie ist in vielen Ländern und Städten tätig und versammelt dabei zahlreiche Bürger*innen, die sich für die europäische Idee sowie für friedliche und zivile Zusammenarbeit engagieren:

Unser Ziel und Beitrag

Wir sind überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen an die Grundidee der Europäischen Union und ihre Reformierbarkeit und Weiterentwicklung glaubt und sie nicht nationalistischen Tendenzen opfern möchte. Es geht um nichts Geringeres als die Bewahrung eines Bündnisses zur Sicherung des Friedens und zur Gewährleistung von individueller Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit.

Die Fotos der Galerie durch Anklicken vergrößern.

In Nürnberg trafen sich ein paar Hundert Teilnehmer*innen an der Lorenzkirche. Zunächst schwiegen wir eine Minute zur Anteilnahme für die Opfer des Terrroranschlags in London. Nachher sprach dazu ein britischer Redner. Die Pfarrerin von St. Lorenz erläuterte an diesem Pfingstsonntag, wie der Geist sprachliche Grenzen überwindet zu einer Verständigung – gerade auch im ökumenischen Sinne.

Die Initiatoren trugen den Offenen Brief der Initiative an Europäische Politiker vor, nachzulesen auf der Internet-Seite. Engagierte trugen zehn Thesen zu Europa vor, andere meldeten und kommentierten Nachrichten aus der europäischen Politik der letzten vier Wochen.

Mehrere Sprecher*innen kritisierten die Polizei-Aktion zur Abschiebung eines afghanischen Schülers aus seiner Schulklasse im Nürnberger Berufsschulzentrum vor einigen Tagen mit klarer Unterstützung der Versammlung.

Eine Sängerin gab den Ton an zu Carols Kings „You’ve got a friend“. Die Teilnehmer*innen bildeten ein Ypsilon als Buchstaben zu der europäischen Foto- und Filmaktion „We say hello – don’t say goodbye“ zum Beatles-Song „Hello, Goodbye“ in bezug auf den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die entsprechenden Verhandlungen.

Schließlich sangen wir die Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven mit drei Versen von Friedrich Schiller – die Europa-Hymne. Eine Menschen-Kette zu den Tönen des Pulsschlages oder Herzschlages rundete die Versammlung ab.

Hier erinnere ich mich, wie wir Anfang der achtziger Jahre Woche für Woche freitags bei St. Lorenz einen „Schweigekreis für den Frieden“ bildeten. Der Protest richtete sich gegen die Nachrüstung mit den Mittelstreckenraketen. Die Friedensbewegung konnte nicht verhindern, dass sie aufgestellt wurden, hat wiederum mit ihrem Einsatz wesentlich dazu beigetragen, dass die betreffenden INF-Verhandlungen dazu führten, dass diese Waffen wieder abgezogen wurden. So lernte ich, dass Bürger-Engagement wirkt und mit entscheidet.

Den Initiator*innenen von Pulse of Europe, aktiven und engagierten Teilnehmer*innen wünsche ich international, europäisch, bundesrepublikanisch und lokal in Nürnberg entsprechende Bildungserlebnisse, weiterhin viel Zuspruch, Gehör, Resonanz und Erfolg auf diesem Weg.

 

http://pulseofeurope.eu/

 

Bäume für die Menschenrechte

In Nürnberg gibt es eine Initiative „Bäume für die Menschenrechte“, die seit zehn Jahren im ganzen Stadtgebiet Ginkgo-Bäume pflanzt und die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 anspricht.

Ein Spaziergang im Frühling auf dem Rechenberg zeigt drei der Bäume mit ihren zarten Blätterknospen. Drunten in der Stadt sind die Ginkgo-Straßenbäume bereits etwas weiter. Die folgende Foto-Galerie zum Vergrößern bitte anklicken.

Weiteres zur Idee und Geschichte der „Bäume für die Menschenrechte“ hier unter:

https://baeume-fuer-die-menschenrechte.nuernberg.de/aktuelles/

English summary:

In Nuremberg, there is an initiative „trees for the human rights“ which has been planting ginkgo trees for ten years in the whole city and appeals to the articles of the general declaration of the human rights of the United Nations of 1948.
A walk in the spring on the Rechenberg shows three of the trees with their tender buds. Down town the ginkgo street trees are already a little further. Please click the photo gallery for increasing or check out the link for the idea and history of the „trees for human rights“ in German language.

 

 

„Das weiche Wasser bricht den Stein“

This song today.  Dieses Lied heute:

Bots, „Das weiche Wasser bricht den Stein“

LP: Entrüstung, 1981

"Europa hatte zweimal Krieg
der dritte wird der letzte sein
gib bloß nicht auf, gib nicht klein bei
das weiche Wasser bricht den Stein.

Die Bombe die kein Leben schont
 Maschinen nur und Stahlbeton,
hat uns zu einem Lied vereint
das weiche Wasser bricht den Stein.

Es reißt die schwersten Mauern ein
und sind wir schwach und sind wir klein
wir wollen wie das Wasser sein
das weiche Wasser bricht den Stein.

Raketen stehn vor unsrer Tür
die solln zu unserm Schutz hier sein
auf solchen Schutz verzichten wir
das weiche Wasser bricht den Stein.

Die Rüstung sitzt am Tisch der Welt
und Kinder die vor Hunger schrein
für Waffen fließt das große Geld
doch weiches Wasser bricht den Stein.

Komm feiern wir ein Friedensfest
und zeigen wie sich's leben läßt
 Mensch! Menschen können Menschen sein
das weiche Wasser bricht den Stein.“

Dieses Lied der bots begleitete uns in der Friedensbewegung der achtziger Jahre, und in letzter Zeit kommt es mir immer wieder in den Sinn, sodass ich es heute gerne hier in Erinnerung rufe. Im Internet finden sich verschiedene Audio- und Video-Fassungen, hier vom Liedercircus im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 1982:

—-

Die Autorenschaft des Liedtextes: Bots / Hildebrandt / Lerryn / Wallraff / Hüsch.

Der Titel vom weichen Wasser greift den Text von Laotse aus dem Tao te king auf, hier in der Übertragung von Richard Wilhelm:

„Auf der ganzen Welt
gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser.
Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt,
kommt nichts ihm gleich.
Es kann durch nichts verändert werden.
Daß Schwaches das Starke besiegt
und Weiches das Harte besiegt,
weiß jedermann auf Erden,
aber niemand vermag danach zu handeln.

Also auch hat ein Berufener gesagt:
»Wer den Schmutz des Reiches auf sich nimmt,
der ist der Herr bei Erdopfern.
Wer das Unglück des Reiches auf sich nimmt,
der ist der König der Welt.«
Wahre Worte sind wie umgekehrt.“

– – –

 

Bertolt Brecht hat uns diesen Text auf seine Weise anverwandelt:

„Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration

Als er siebzig war und war gebrechlich
drängte es den Lehrer doch nach Ruh
denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
und er gürtete den Schuh.
2
Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er abends immer rauchte
und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.
3
Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.
4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.
6
Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He du! Halt an!
7
Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe, keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch Du?“
10
Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen,
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit.)
Und dann war’s soweit.
12
Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.“
– – –
Das weiche Wasser mag ich, und wie das Lied und die Gedichte sagen, bricht es den Stein.

 

Die bots sind hier zu finden:  http://www.bots-muziek.nl/

 

Vom Einzelnen und Ganzen: Friedrich Rückert

Ein paar freie Tage ermöglichen eine eindrucksvolle Lektüre, eintauchen in Leben und Werk des fränkischen Dichters und Orientalisten Friedrich Rückert anhand des Bandes, der anlässlich seines 150. Todestages 2016 erschien zur Ausstellung, die aktuell in Coburg zu sehen ist.

Viele einzelne Dokumente gibt es zu lesen und zu betrachten, die schließlich ein ganzes Leben ausmachen, welches staunen lässt. Wie sich der gebürtige Schweinfurter Friedrich Rückert bildet, nach Italien reist, sich verliebt und verheiratet mit Luise Wiethaus-Fischer, eine Familie mit zehn Kindern gründet, von denen zwei sehr früh sterben, wovon die „Kindertodtenlieder“ zeugen, wie er sich als Professor der orientalischen Philologie in Erlangen und Berlin betätigt und sich über 40 Sprachen aneignet, aus deren Literaturen er zahlreiche klassische Werke zu übersetzen vermag, die wechselseitig seine eigene Poesie befruchten: arabische Lieder, Sprüche und Texte, persische Dichtungen, indische Klassiker, Psalmen und das Leben Jesu ebenso wie griechische Dramen und vielerlei anderes. Wie er sich mit seiner Zeit auseinandersetzt in deutsch-nationalen, anti-napoleonischen Positionen, im Biedermeier, Vormärz, zur 1848er Revolution und der Industrialisierung – sich schließlich in seine „Gartenlaube“ in Neuses bei Coburg zurückzieht, wo er täglich schreibt und Tausende von Gedichten hinterlässt, die nach annähernd 150 Jahren in den Liedertagebüchern der Historisch-kritischen Ausgabe der Schweinfurter Edition publiziert wurden. Friedrich Rückert suchte eine ursprüngliche Weltpoesie – und fand sie, indem er seine eigene erschuf.

"... Doch was manch Lied entwickelt, wie
Sollt' ich's auf einmal auf nun wiegeln?
Das Buch ist vor euch offen hie,
Und wer hineinschaut, mag sich spiegeln.
Mög' euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befremden auch mit fremder Tönung,
Daß ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung."

Friedrich Rückert, Shi-King. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius, Altona 1833, Die Geister der Lieder. Vorspiel. S. 1 - 6, hier: S. 6
"Ein indischer Brahman, geboren auf der Flur,
Der nichts gelesen als den Weda der Natur;

Hat viel gesehn, gedacht, noch mehr geahnt gefühlt,
Und mit Betrachtungen die Leidenschaft gekühlt;

Spricht bald was ihm klar ward, bald um sich's klar zu machen,
Von ihn angeh'nden halb, halb nicht angeh'nden Sachen.

Er hat die Eigenheit nur Einzelnes zu sehn,
Doch alles einzelne als Ganzes zu verstehn.

Woran er immer nur sieht schimmern einen Glanz,
Wird ein Betkügelchen an seinem Rosenkranz."

Weisheit des Brahmanen, hier S. 178

 

"Der Arbeit Theilung bringt auf Erden immer weiter
Die Arbeit selber wohl, nicht aber den Arbeiter.

Vielmehr, jemehr getheilt die Arbeit, wird getheilt
Durch sie der ganze Mensch, ein Riß, der niemehr heilt.

Wann wird zu ganzem Werk getheilte Arbeit wieder?
Wenn alle Menschen einst sich fühlen Menschheitsglieder;

Wann ineinandergreift, was von uns jeder treibt,
So daß nicht Einzles mehr, und nur das Ganze bleibt."

S. 280

 

Der Band rekonstruiert Leben und Schaffen von Friedrich Rückert in seinen Lebensabschnitten: Aufwachsen, Sich finden, Erfolg haben!, Scheitern?, Weise werden sowie das Nachwirken in Werkausgaben, Vertonungen und Nachklängen.

Auf weitere Lesetage mit den Übersetzungen und Liedertagebüchern von Friedrich Rückert freue ich mich.

 

Zitate und Abbildungen aus:

Der Weltpoet. Friedrich Rückert 1788-1866. Dichter, Orientalist, Zeitkritiker,
Herausgeber: Rudolf Kreutner, Wallstein Verlag, Göttingen 2016

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317833-der-weltpoet-friedrich-rueckert-1788-1866.html

Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Schweinfurt 8. April bis 10. Juli 2016, im Stadtmuseum Erlangen 24. Juli bis 13. November 2016 und im Kunstverein Coburg 14. Januar bis 17. April 2017.

Zur laufenden Ausstellung im Kunstverein Coburg bis 17. April 2017:

http://www.coburg.de/Subportale/Startseite/Jahresthemen.aspx

Zu: Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebenslauf und Einführung in sein Werk. Aktualisierte Neuausgabe. 2. Auflage. Wallstein, Göttingen 2016. 157 Seiten, schreibt Buchwolf eine lesenswerte Besprechung:

https://buchwolf.wordpress.com/2016/11/05/annemarie-schimmel-friedrich-rueckert/

Die Historisch-kritische Werkausgabe, „Schweinfurter Edition“, findet sich ebenfalls beim Wallstein Verlag in Göttingen:

http://www.wallstein-verlag.de/autoren/friedrich-rueckert.html

Bei WordPress sendet Mannigfaltiges wiederholt Gedichte von Friedrich Rückert:

https://mannigfaltiges.wordpress.com/tag/friedrich-rueckert/

Zahlreiche Beiträge zu Rückert bringt die Lyrikzeitung:

https://lyrikzeitung.com/tag/friedrich-ruckert/

Readers in English language are kindly requested to have a look at:

https://en.wikipedia.org/wiki/Friedrich_R%C3%BCckert