„Schwalben über dem Fluss. 1848 in Baden“. Historischer Roman von Ulrike Halbe-Bauer

Wie es damals war, in Baden vor und um 1848, – oder gewesen sein könnte -, dies erzählt uns Ulrike Halbe-Bauer in ihrem neuen historischen Roman „Schwalben über dem Fluss“ ebenso beeindruckend dargestellt wie historisch fundiert. Hier der „Klappentext“:

„Deutschland 1837: Hunger und Not vertreiben die Weberstochter Emma aus ihrer Heimat Ostwestfalen. Hart kämpft die Jugendliche ums Überleben. Im Hungerjahr 1846 lernt sie in einer Fabrik in Württemberg die eigenartige Henri kennen, Gattin des Fabrikbesitzers und wilde Reiterin. Henri schwärmt von Freiheit und Gleichheit und behauptet, dass in der zu erwartenden Revolution auch die Frauen Rechte erhalten würden. Als der Fabrikant von Mörderhand stirbt, wird Emma verdächtigt. Sie flieht zusammen mit dem Studenten Konrad über den Schwarzwald, harrt hungernd einen kalten Winter in Villingen aus und erreicht schließlich Freiburg. Sie wird Arbeiterin in der Seidenfabrik des pietistischen Sozialreformers Carl Mez.

Die Fabrikantenwitwe Henriette sucht unterdessen in Mannheim Anschluss an revolutionäre Kreise. Als die Revolution 1848 ausbricht, folgt sie Friedrich Hecker, der in Konstanz die Republik ausruft. Ein paar Tage später werden die Freischärler in Freiburg erwartet. Emma kämpft an der Seite von Christoph am Schwabentor in Freiburg. Doch haben Henri, Christoph, Emma und Konrad noch einen langen steinigen Weg vor sich, bis zumindest einige ihrer Wünsche wahr werden.“

Der Roman nimmt behutsam Fahrt auf, schildert die Verhältnisse in der Textilfabrik und die Beziehung von Emma und Henriette, Emmas Flucht und Begegnung mit Konrad in einem heißen Sommer in einem Steinbruch, ihren kalten Winter in einer Wäscherei in Villingen, Henriettes Station in Mannheim, und ihre dramatische Wiederbegegnung im Freiburger Revolutionsjahr 1848.

„Ach, diese verfluchten Aufenthaltserlaubnisse! Mein Heimatrecht hatte ich lange verwirkt und eine Aufenthaltsgenehmigung bekam man nur, wenn man in dem Ort Arbeit hatte. Aber Arbeit gab es nicht und wenn, brauchte man eine Aufenthaltsgenehmigung. Wenn man als Bettler aufgegriffen wurde, drohte das Zucht- und Arbeitshaus. Es reichte, wenn der Gendarm einen festnahm.“  S. 52

Bei einer Versammlung schildert Jörg aus Biel:

„Ich war im Handwerkerlese- und Singverein in Biel. Wir lesen verschiedene Zeitungen und singen. Wir lernen da viel, zum Beispiel, wie die Menschheit ist und wie sie sein sollte. Auch dass es immer mehr Reiche gibt und dass das gefährlich ist, weil dann für die Armen nur wenig übrig bleibt. Wir haben dort eine wichtige Botschaft aus Paris erhalten. Sie lautet ungefähr so: Frei und glücklich wird die Menschheit nur in einer Republik, in der alle sich als Brüder und Kinder eines Vaters sehen. Wenn wir das nicht schaffen und die Menschen nicht alles gemeinsam besitzen, wird es auf der Erde nur noch Herren und Sklaven geben und die Knute wird den letzten Seufzer desjenigen zum Schweigen bringen, der dann noch zu denken wagt, dass er auch Rechte haben könnte.“  S. 93

Ulrike Halbe-Bauer gelingen nicht nur plastische Bilder und Schilderungen der Jahre 1846 und 1847 während der Hungersnöte, des schwierigen und erneuernden Wandels des Textilhandwerks zur Industrie, wie auch sich plausibel entwickelnde Charaktere mit ihrer Verstrickung in die demokratischen Bewegungen und revolutionären Ereignisse in Baden 1848. Die Autorin erinnert nicht zuletzt an die verarmten Auswander*innen am Mannheimer Hafen in Richtung Amerika und wie sie von betrügerischen Schleusern ausgenommen wurden (S. 179 f.). Der Barrikadenkampf am „Schwabentor“ in Freiburg endet für die Romanfiguren in unerwarteten Lösungen.

Mit bester Empfehlung!

Ulrike Halbe-Bauer, Schwalben über dem Fluss. 1848 in Baden, Wellhöfer Verlag, Mannheim 2017

http://www.wellhoefer-verlag.de/?Ulrike_Halbe-Bauer

  

In Nürnberg hatte sich Ulrike Halbe-Bauer bereits bekannt gemacht mit ihrem erfolgreichen biografischen Roman: „Mein Agnes. Die Frau des Malers Albrecht Dürer“. Damit gelang es der Autorin, den langezeit zweifelhaften Ruf der Malers-Frau in ein angemessenes, selbständiges wie partnerschaftliches Licht zu rücken:

http://www.wellhoefer-verlag.de/index.php?Biographien/Mein_Agnes

Bücher

Schwalben über dem Fluss – 1848 in Baden, Roman über die badische Revolution in erster Linie aus der Sicht von einer Arbeiterin und einer Fabrikantengattin, Wellhöfer Verlag, Mannheim 2017

Mein Agnes – Die Geschichte der Agnes Dürer, biographischer Roman,Stieglitz Verlag, Mühlacker, 1996, 2. Aufl. 97 (Estnische Ausgabe: Minu Agnes. Naine Albrecht Düreri Korval, Kunst Verlag, Tallin 1999 ( TB: Brunnen, Verlag , 4.Aufl. 2008, TB Wellhöfer: Mannheim 2013, 2.Aufl. 2017)

Olympia Morata – In Heidelberg lockte die Freiheit, TB. Wellhöfer: Mannheim Herbst 2012 (vorher Brunnen)

Ich mache es auf meine Art – Bedeutende Künstlerinnen, zusammen mit Brigitta Neumeister-Taroni, erzählende Kurzbiografien mit über 100 Illustrationen, belser Verlag, 2011. Unter anderem geht es um Rachel Ruysch, Paula Modersohn-Becker, Rosa Bonheur, Käthe Kollwitz

Er, ich und die Kunst – Die Frauen der Künstler, zusammen mit Brigitta Neumeister-Taroni, erzählende Kurzbiografien (z.B. Martha Liebermann, Gala Dalì)

Margarete Steiff – Ich gebe, was ich kann, biografischer Roman, Brunnen Verlag, Gießen, 4.Aufl. 2010 (ebenfalls 2010 japanische Ausgabe)

Olympia Morata. Das Mädchen aus Ferrara, (erste weibliche Hochschullehrerin) biographischer Roman, Brunnen Verlag Gießen, 2004

Propheten im Dunkel. Kunne Brockötter erzählt vom Täuferreich zu Münster, Erzählung, Münster 1984; 2., überarbeitete Fassung 1992 unter dem Titel Kunne die Magd, Brunnen Verlag Gießen, 2005, holländische Ausgabe 2005

Paracelsus. Verachtet, gefeiert, gejagt, historischer Roman, Stieglitz Verlag, Mühlacker 1992

 

 

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Ilona Jerger: „Und Marx stand still in Darwins Garten“

 

Ilona Jerger ist eine spannende Geschichte gelungen, wie es hätte sein können, wenn sich Darwin und Marx damals in ihrer Londoner Umgebung getroffen hätten. Sie blickt belesen in beider Lebensläufe, schildert ihr morbides Altersleben und führt über die Gespräche mit dem fiktiven beiderseitigen Hausarzt zu Reflexionen über die „Lage der arbeitenden Klasse in England“, religions- und kirchenkritischen Aspekten, mit dem sehr privaten Blick in die Wohnzimmer der beiden hin zu Familiengeschichten von Darwin mit Emma, Marx mit Jenny und Lenchen. Ilona Jerger betrachtet das England des 19. Jahrhunderts, mit herbstlicher und winterlicher Natur, wissenschafts-geschichtlichen, politischen wie weltanschaulichen und religiösen Fragen.

„Dass ihr Engländer sogar in der Natur das kapitalistische Hauen und Stechen sehen wollt. Überall Kampf und das Stärkere muss siegen!“ Marx ballte seine Faust, reckte sie in die Luft und ließ sie auf Darwins Buch niedersausen. „Dabei handelt es sich um einen klasssichen Zirkelschluss.“ Er zeichnete mit dem Zeigefinger Kreise in die Luft. „Darwin hat den Kampf ums Überleben, den er im kapitalistischen Sytem beobachtet hat, auf Tiere und Pflanzen übertragen. Nein, es ist kein Zufall, dass er in der Natur seine englische Klassengesellschaft wiedererkennt.“ (S. 108-109)

In Ilona Jergers Wiedergabe berührt mich, wie sie auf Marxens Emigration eingeht:

„Im Ton beiläufig, sagte Doktor Beckett, Entwurzelung und Vertreibung würden den Menschen doch arg zusetzen. Er habe noch andere Exilanten unter seinen Patienten und habe mit ansehen müssen, was Heimatlosigkeit mit ihnen anrichte. Das Verlassen der Familie. Die fremde Sprache. Die andere Kultur. Verfolgt sein. Ausspioniert werden. … “ (S. 113)

Die fiktive Begegnung von Darwin und Marx im Kapitel „Tischgebet mit Ungläubigen“ zum Abendessen im Hause Darwin mit seiner Frau Emma, die vorsorglich den Ortspfarrer dazu geholt hatte, Edward Aveling, hier eingeführt als Marxens Schwiegersohn, und dem deutschen Freidenker Ludwig Büchner komponiert die Autorin gedankenreich, köstlich und spritzig.

 

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten, Roman, Ullstein, Berlin 2017, 288 Seiten

Besprechung bei Literatur im Fenster.

„And Marx Stood Quietly in Darwin’s Garden
England, 1881. Two of the most important man of the 19th century live only a  few miles apart. Charles Darwin resides in the countryside of Kent while Karl Marx lives in the midst of bustling London. Both, in their own right, have changed the course of modern science, philosophy and politics. And both struggle with that legacy. Disillusioned with life and the science community Darwin spends his days secluded researching earthworms. Marx desperately tries to write another piece of the magnitude of Capital Volume I, while he still awaits the uprising of the proletariat. One evening they meet at a dinner party. What starts as an engaging conversation quickly becomes a heated fight once they broach the topic of God and justice. The evening ends in a disaster yet the two forces of  nature share an intimate moment in which both quietly acknowledge that they have more in common than they thought or could ever admit publicly.

 

This brilliant novel allows for the reader to get to know these big and highly controversial personalities on a very personal and deeply human level. They appear vulnerable and fragile. Simultaneously, Jerger displays well researched discourses into Materialism and Evolutionary Theory that lay a solid foundation to this fictionalised setting. Most importantly, she transports us to very personal yet crucial moments that have fuelled these two men’s theories and have ultimately shaped the modern world as we know it. And only fiction can do that!“

 

 

Universales Lesen

Liebe Leser*innen,

lesen in der Universal-Bibliothek von Reclam. Herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag! Hier ein persönlicher  Beitrag.

     

Philosophie

Mein Lieblingstext und meist gelesenes Reclam-Heft ist Platons Gastmahl – über den Eros. Wie Sokrates und seine Freunde über die Liebe philosophieren – bleibt unvergleichlich. Diotima in der Schilderung von Sokrates: „Wohlan, ich will es dir sagen. Es ist nämlich ein Zeugen im Schönen, sei es im Leibe, sei es in der Seele“. (S. 79)

Platons Schüler und Kritiker Aristoteles eröffnet seine Metaphysik: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen …“ (S. 17)

Einmal hatte ich an den Reclam Verlag geschrieben und gebeten, Aristoteles‘ „Über die Seele“ heraus zu bringen, und wenige Jahre später freute mich die Ausgabe in Griechisch und Deutsch:

„Weil man die Seele hauptsächlich durch zwei unterschiedliche Merkmale bestimmt, nämlich durch Ortsbewegung einerseits und Denken, Begreifen und eine Art von Wahrnehmen andererseits, so scheinen auch das Denken und Beurteilen so etwas wie Wahrnehmen zu sein … “ (S. 139)

In Diogenes Laertius „Leben und Lehre der Philosophen“ finden sich viele Erläuterungen. Cicero war ein weiteres Lese-Erlebnis; er hatte die griechischen Erfahrungen ins Römisch-Lateinische übertragen und überliefert. „Es gibt ja kein Gebiet, auf dem die menschliche Tugend dem göttlichen Walten näher kommt, als wenn es gilt, neue Staatswesen zu gründen oder das Bestehen bereits gegründeter zu sichern.“ (Über den Staat, S. 23)

Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen unter anderem: „Wer aber eine vernünftige, welt- und staatsbürgerliche Seele hochachtet, der hat kein anderes Interesse mehr, dagegen sucht er seine eigne Seele in vernünftiger und gemeinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten und hierzu auch den Mitgenossen seines Geschlechts behilflich zu sein.“ (S. 87)

Boethius‘ „Trost der Philosophie“ übersetzte das antike Denken ins Mittelalter: „Das vollkommene Gute aber, so haben wir aufgestellt, ist das vollkommene Glück. Das wahre Glück also muß notwendig in Gott, dem Höchsten, wohnen.“ (S. 103)

Was wären die Menschenrechte, unser Grundgesetz ohne die Menschenwürde, die Pico della Mirandola begründete: „Über die Würde des Menschen“: „Hochverehrte Väter! In den Schriften der Araber habe ich gelesen, der Sarazene Abdala habe auf die Frage, was sozusagen auf der Bühne dieser Welt als das Bewundernswerteste erscheine, geantwortet, nichts erscheine der Bewunderung würdiger als der Mensch.“ (S. 5)

So geht es weiter bei Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Ich bin als Bürger eines freien Staates geboren und Glied des Souveräns, und so schwach auch der Einfluß meiner Stimme auf die öffentliche Angelegenheiten sein mag – mein Stimmrecht genügt, mir die Pflicht aufzuerlegen, mich darin zu unterrichten.“ (S. 5)

Neuere Philosophie

Was hat die Universal-Bibliothek von Reclam alles zu bieten, darunter:

  • Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen“
  • Schellings „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“
  • Schleiermachers „Über die Religion“
  • Marx und Engels „Manifest der kommunistischen Partei“
  • Thomas Nagel „Was bedeutet das alles?
  • Manuela Di Franco „Die Seele. Begriffe, Bilder und Mythen“
  • und so weiter und so fort …

Literatur

  • Ovid,  Liebeskunst
  • Apuleius, Das Mächen von Amor und Psyche
  • Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie
  • Johannes von Tepl, Der Ackermann und der Tod
  • Die Pegnitz-Schäfer. Nürnberger Barock-Dichtung
  • Wackenroder / Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
  • Johann Wolfgang Goethe, Faust
  • Friedrich Hölderin, Hyperion
  • Christoph Martin Wieland, Musarion
  • Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas

Theater

Über die älteren und neueren Theaterstücke gibt es ebensoviel zu erzählen – Reclam sei Dank. Seien es die antiken Dramen  von Sophokles, Euripides, Aischylos und Komödien von Aristophanes – oder Shakespeare und die Modernen.

"Chorführerin:
Der Ankömmlinge schützt, Zeus schaue herab
Auf unseren Zug, der zu Schiffe sich hob
Von den Dünen feinkörnigen Sands im Gemünd
Des Nils. Ist sein ja das Land auch
Aus Syriens Grenzen, aus dem wir entflohn, 
Nicht daß blutige Schuld durch das Urteil des Volks
Die Heimat zu meiden uns zwänge,
Nein, aus eigenem Trieb, vor den Männern zu fliehn,
Verschmähend die Eh' mit den Söhnen Aigypts
Und ihr göttermißachtendes Treiben. ..." 
Aischylos, Die Schutzsuchenden, S. 5

"Chor
Ungeheuer ist viel und nichts
Ungeheuerer als der Mensch. ...
Sophokles, Antigone, S. 18
"Die Welt scheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit, die Suche nach einer wesentlichen, vergessenen, unbenannten Realität, außerhalb derselben ich nicht zu sein glaube, wollte ich ausdrücken - mittels meiner Gestalten, die im Unzusammenhängenden umherirren und die nichts ihr eigen nennen, außer ihrer Angst, ihrer Reue, ihrem Versagen, der Leere ihres Lebens. Wesen, die in ein etwas hinausgestoßen sind, dem jeglicher Sinn fehlt, können nur grotesk erscheinen, und ihr Leiden ist nichts als tragischer Spott. Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.
Eugène Ionesco, Die Stühle. Der neue Mieter, Vorsatz

 

Reclam Leipzig

  • Albrecht Dürer, Schriften und Briefe, Leipzig 1978: „Die groß Kunst der Molerei ist vor viel hundert Johren bei den mächtigen Künigen in großer Achtbarkeit gewesen, dann sie machten die fürtrefflichen Künstner reich, hieltens wirdig, dann sie achteten solche Sinnreichigkeit ein geleichförmig Geschöpf noch Gott. Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär,  daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allbeg etwas Neus durch die Werk auszugießen.“ (S. 153)
  • Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike, Leipzig 1977
  • Sebastian Brant, Das Narrenschiff. Texte und  Holzschnitte der Erstausgabe 1494 …, Röderberg Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Reclam Leipzig 1980)
  • und andere

Reclam Leipzig und Stuttgart schauen in die Welt

Annemarie Schimmel war die Übersetzerin und Interpretin der arabischen und und persischen Literatur. Mehr davon bietet Reclam mit Al-Farabi und Ibn Kaldun.

Und sonst?

  • Das meist gebrauchte und zerfledderte ist bei mir das Fremdwörterbuch
  • In den Arbeitstexten für den Unterricht, deutsche Kurzgeschichten für das 9.- bis 10 . Schuljahr, mochte ich Heinrich Böll, „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“
  • Die „Leseliste“ bietet eine Anleitung mit 600 Titeln zum Weiterlesen
  • Im Universal-Notizbuch sammle ich Herbstgedichte …

Gute Wünsche dem Reclam Verlag und eindrucksvolle Bildungs-Erlebnisse allen Leser*innen

Bernd Arnold

 

Reclam Verlag: https://www.reclam.de/

 

2017 Nuremberg International Human Rights Award: „Group Caesar“

Appreciation in English language please see below.  Die Jury des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises zeichnete in diesem Jahr die „Gruppe Caesar“ aus:

„Preisträger ist die Gruppe Caesar

Die Preisverleihung findet am Sonntag, den 24. September 2017, im Nürnberger Opernhaus statt. Die Jury begründete ihre Entscheidung folgendermaßen:

„Caesar“ ist der Deckname eines ehemaligen syrischen Militärfotografen, der über 50.000 Fotos aus dem Land gebracht hat, darunter 28.000 Bilder von Gefangenen, die in syrischen Gefängnissen durch Folter, Hinrichtungen, Krankheit, Unterernährung oder andere Misshandlungen getötet worden waren.

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 hatte er den Auftrag, Leichen von syrischen Soldaten wie auch Oppositionellen zu fotografieren und diese Bilder systematisch zu archivieren, was inzwischen als „Bürokratie des Todes“ bezeichnet wird. Caesar litt massiv unter dem, was er täglich sah und erlebte; er kopierte die Bilder heimlich und schmuggelte sie mit Hilfe von Unterstützern aus dem Gefängnis und aus dem Land.

Im August 2013 verließ er Syrien mit seiner Familie und dem Vorsatz, die Verbrechen an den Gefangenen, die ihn nicht mehr losließen, an die Öffentlichkeit zu bringen. Im Januar 2014 wurden die Fotos im Internet veröffentlicht. Der im Januar 2014 erschienene Bericht einer Untersuchung, die von ehemaligen Chefanklägern internationaler Strafgerichte geführt wurde, bestätigte, dass Caesars „Beweise verlässlich waren und in jedem nachfolgenden Prozess ohne Risiko verwendet werden könnten“.

Der Leiter der Untersuchung, Desmond De Silva, beschrieb seinen Bericht als „einen rauchenden Colt“, als den Beweis für Morde in „industriellem Ausmaß“ durch das syrische Regime. Human Rights Watch bestätigte die Echtheit der Fotos in dem im Dezember 2015 veröffentlichten Bericht „Wenn die Toten sprechen könnten. Massenmorde und Folter in syrischen Gefängnissen“.

Die Jury spricht ihre Anerkennung auch der Entschlossenheit und Beharrlichkeit der investigativ tätigen französischen Journalistin Garance Le Caisne aus. Als diese Kenntnis von den Fotos erlangte, konnte sie nach monatelanger Recherche Kontakt zu Caesar aufnehmen, der sich nach anfänglichem Zögern aus Angst um seine eigene Sicherheit und die seiner Familie doch zum Interview bereit erklärte. Aus den Gesprächsmitschnitten und weiteren Interviews mit ehemaligen Häftlingen entstand das Buch „Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie“. Caesar lebt heute versteckt in Nordeuropa und wird den Preis persönlich nicht entgegennehmen können.

Im syrischen Bürgerkrieg werden extreme Menschenrechtsverletzungen von allen Konfliktparteien begangen. Laut dem Bericht von Amnesty International vom August 2016 sollen allein in den syrischen Gefängnissen seit 2011 mehr als 17.700 Menschen getötet worden sein. In der Folter wird die Verletzlichkeit eines Menschen gezielt ausgenutzt in der Absicht, den Willen dieser Person zu brechen, um ihr dadurch Informationen abzupressen, sie zu demütigen, sie einzuschüchtern oder im schlimmsten Fall zu vernichten.

Folter und andere Formen grausamer und unmenschlicher Behandlung sowie Bestrafung sind in internationalen Menschenrechtsabkommen, etwa der Antifolterkonvention der Vereinten Nationen von 1984 vollständig und ausnahmslos verboten. Trotz der Ratifizierung durch 147 Staaten wird systematische Folter in mehr als 100 Ländern angewandt, vor allem in solchen, in denen Diktatoren oder autoritäre Regime herrschen.

Caesar und seine Kollegen wurden von dem Verlangen angetrieben, dafür zu sorgen, dass die dokumentierten Menschenrechtsverbrechen nicht straflos bleiben. Dafür nahmen sie große Gefahren auf sich. Mit der Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises an die Gruppe Caesar will die Jury auch an die Geschichte Nürnbergs als Wiege des modernen Völkerstrafrechts anknüpfen.“

Quelle:  https://www.nuernberg.de/internet/menschenrechte/jurybegruendung_caesar.html

Den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis 2017 nahm stellvertretend für den ausgezeichneten Fotografen und seine Gruppe die Journalistin Garance Le Caisne in Empfang. Wie die Presse berichtet, konnte der Fotograf einige Tage später einen Besuch in Nürnberg machen.

Bei der Friedenstafel im Anschluss an die Preisverleihung kommen viele Nürnberger zusammen auf dem Kornmarkt bei der „Straße der Menschenrechte“ und sprechen über die Preisverleihung. Die Fotografien der Gruppe Caesar wurden dazu in der Galerie Kreis ausgestellt.

Human Rights Watch hat in einer Studie die Fotografien als authentische Dokumente erkannt. Einige Angehörige der Folteropfer und Todesopfer haben ihre Verlorenen auf den Fotografien erkannt, können und werden strafrechtlich und völkerrechtlich vorgehen.

Einige Freunde sagten, die Aufnahmen erinnerten sie an die Fotografien der Opfer der Konzentrationslager. In der Ausstellung sehen wir ins Antlitz von gefolterten und gemordeten Menschen in Syrien, sehen die geschundenen Körper und lesen die Aussagen mehrer Angehöriger.

Le Caisne, Garance, Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie, C. H. Beck Verlag:

http://www.chbeck.de/le-caisne-codename-caesar/product/16128742

https://www.nuernberg.de/internet/menschenrechte_e/jury_appreciation_caesar_e.html

2017 Nuremberg International Human Rights Award

The jury gave the following reasons for its decision:

“Caesar” is the code name of a former Syrian military photographer who brought over 50,000 photographs out of the country, 28,000 of which show detainees in Syrian prisons killed by torture, outright execution, disease, malnutrition or other ill-treatment.

After the start of the civil war in 2011, his task was to photograph the corpses of both dead Syrian soldiers and political opponents, and to systematically archive those photographs in what has been called a „bureaucracy of death“. Caesar suffered immensely, seeing and experiencing this every day; he secretly copied the images and, with the help of supporters, smuggled them out of the prison and out of the country.

In August 2013, he left Syria with his family with the intention of making public the crimes committed against the prisoners which kept haunting him. In January 2014, the photographs were published on the internet. The report of an enquiry led by three former chief prosecutors of international criminal tribunals published in January 2014 confirmed that Caesar’s „evidence was reliable and could safely be acted upon in any subsequent judicial proceedings“.

The chairman, Desmond De Silva, described his report as „the smoking gun“ showing evidence of „industrial-scale“ killing by the Syrian regime. Human Rights Watch confirmed the authenticity of the images in an 86-page report „If the Dead Could Speak. Mass Deaths and Torture in Syria’s Detention Facilities“ published in December 2015.

The jury also wishes to recognise the determination and tenacity of French investigative journalist, Garance Le Caisne. When she got to know about the photographs, after months of research she was able to contact Caesar who after hesitating at first, fearing for his own and his family’s safety, finally consented to be interviewed by her. The recordings of the conversation and of further interviews with former prisoners were the basis for the book „Opération César: Au coeur de la machine de mort syrienne“ (Operation Caesar. In the Heart of the Syrian Death Machine). Caesar now lives in hiding in Northern Europe and will not be able to receive the award in person.

In the Syrian civil war, extreme human rights violations have been committed by all sides of the conflict. Since 2011, according to the report by Amnesty International of August 2016, over 17,700 people are said to have been killed in Syrian prisons alone. Torture is the purposeful exploitation of the vulnerability of a human being, with the intention of breaking this person’s will and of extorting information in this way, of humiliating, intimidating and in the worst case eliminating this person.

Torture and other forms of cruel and inhumane treatment as well as punishment have been banned completely and without exception by international human rights agreements such as the Anti-Torture Convention of 1984. Although 147 states have ratified this convention, torture is still systematically used in over 100 countries, mainly in those where dictators or authoritarian regimes rule.

Caesar and his colleagues have been driven by a desire to ensure that there is no impunity for documented human rights crimes, incurring major risks. By awarding the Nuremberg International Human Rights Award to Group Caesar, the City of Nuremberg builds on its history as the cradle of modern international criminal law.

Am Wahlsonntag ist Zeit für mehr Gerechtigkeit

An diesem Sonntag ist bei der Bundestagswahl „Zeit für mehr Gerechtigkeit“. Ich wähle SPD und unsere Abgeordnete für den Wahlkreis Nürnberg-Nord, Gabriela Heinrich. Am Freitag sprach Martin Schulz auf dem Jakobsplatz in Nürnberg. Hier ein paar Aufnahmen:

Martin Schulz vertritt klare Positionen konkret über die Vorhaben für eine SPD-Regierung – hier zitiert aus den zehn Punkten:

  • Arbeit: Wir wollen gute Löhne und keine willkürliche Befristung. Das Chancenkonto gibt allen ein Recht auf Weiterbildung.
  • Bildung: Wir erneuern unsere Schulen und wir schaffen ein Recht auf Ganztagsplätze an Grundschulen.
  • Familie: Mit dem Familiengeld haben berufstätige Eltern mehr Zeit für ihre Kinder. Die Kita-Gebühren schaffen wir ab.
  • Rente: Beiträge und Rentenniveau bleiben stabil. Mit uns gibt es kein höheres Renteneintrittsalter.
  • Lohngerechtigkeit: Wir sorgen für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern.
  • Investitionen: Wir investieren massiv in schnelles Internet, Mobilität und bezahlbare Wohnungen. So sichern wir Lebensqualität in der Stadt und auf dem Land.
  • Steuern: Wir schaffen den Soli ab und entlasten kleinere und mittlere Einkommen. Sehr Reiche und Vermögende leisten einen größeren Beitrag.
  • Gesundheit: Wir sorgen für gleiche Beiträge von Arbeitnehmern. Mit der Bürgerversicherung schaffen wir die Zweiklassenmedizin ab.
  • Europa: Wir machen Europa solidarischer und stärker. So sichern wir Frieden und Wohlstand
  • Sicherheit: Mit uns gibt es 15.000 zusätzliche Stellen bei der Polizei.

Martin Schulz beeindruckte mich mit seiner engagierten Rede und Argumenten zu Bildung, Pflege, Verkehr usw.,  den Fragen der Gerechtigkeit im Bund, Europa und global sowie deutlichen Antworten an Geschichtsvergessene.

Auf dem besonnten Jakobsplatz zwischen St. Jakob und St. Elisabeth sprachen zuvor der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, die Nürnberger Abgeordneten Gabriela Heinrich und Martin Burkert sowie mittelfränkische Abgeordnete mit Florian Pronold und Natascha Kohnen für die Bayerische SPD.

Gabriela Heinrich bloggt auch hier auf WordPress mit Beiträgen über ihre Tätigkeit im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Deutschen Bundetages, in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, für die Menschenrechte, globale Nachhaltigkeitsziele und ihre Aktionen und Begegnungen in Nürnberg.

Wahlberechtigte genießen das Wahlrecht. Schönen Sonntag!

 

Ausstellung / Exhibition: Albert Speer

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zeigt die Sonderausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“. Readers in English language please check here.

Albert Speer (1905 – 1981) machte im Nationalsozialismus eine steile Karriere als Architekt, wurde 1934 mit der Planung des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg beauftragt und 1937 von Hitler zum Generalbauinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin und anderer deutscher Städte ernannt. 1942 folgte die Ernennung zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition, wobei Speer für die Umstellung der Rüstungsindustrie auf die totale Kriegswirtschaft verantwortlich war. Im November 1945 wurde Speer beim Hauptkriegsverbrecherprozess des Internationalen Militärgerichtshof angeklagt und am 1. Oktober wegen Kriegsverbrechen und Verbechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er bis 1966 im Alliierten Militärgefängnis Spandau in Berlin verbüßte.

Mit Unterstützung des Verlegers Wolf Jobst Siedler und des Publizisten Joachim C. Fest konnte Albert Speer seine Erinnerungen (1969) und die Spandauer Tagebücher (1975) veröffentlichen. Ausgehend von einer geschickten Verteidigungsstrategie beim Nürnberger Prozess konnte er sich mit diesen Büchern und Interwiews als unpolitischen Architekten, verführten Experten und sogar als Widerständler darstellen, sodass er sich einen legendären Mythos als „der gute Nazi“ erwarb. So trugen Speer und seine Unterstützer in der Bundesrepublik dazu bei, die alleinige Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen Hitler zuzusprechen, die unzähligen Verantwortlichen, Täter, Helfer und Beteiligten sowie sich selbst von Verantwortung und Schuld zu entlasten.

Weiter im Text geht es nach der Fotogalerie – Aufnahmen zum Vergrößern bitte anklicken.

Die Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände wurde in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin entwickelt und von Ausstellungsarchitekten Rainer Lendler und weiteren Mitwirkenden gestaltet.

Das Buchstabenrondell S P E E R zeigt Fotoaufnahmen der verschiedenen biografischen Phasen und projiziert Interview-Zitate:

„Die Ausübung von Macht an sich ist für mich einer der großen Anziehungspunkte in dieser zweiten Periode meiner Tätigkeit für Hitler gewesen.“  …

„Wenn er es auch nie direkt ausgesprochen hat nach 1942, was mit den Juden geschieht, so waren doch die Hinweise darauf deutlich genug, dass man hätte verstehen können wenn man hätte verstehen wollen, oder, dass ich hätte verstehen müssen, wenn ich hätte wollen.“ …

„Wenn ich nichts wusste, dann habe ich dafür gesorgt, dass ich nichts wusste. Wenn ich nichts gesehen habe, dann, weil ich nicht sehen wollte.“

Ein großer Büchertisch zeigt mit Bildern und Texten auf, wie sich Speer im Nationalsozialismus positionierte und vermarktete, im Nürnberger Prozess auch auf Kosten anderer verteidigte, in der Haftzeit an seiner Legende strickte und anschließend als geläuterter Büßer erfolgreich auftrat.

Beeindruckend und aufklärend schließen sich Thementische an, die mehrere Historikerinnen und Historiker vorstellen, die in akribischer Quellenarbeit mit Speers Legendenbildung aufräumen und seinen Mythos entzaubern. Anhand ihrer Studien und zentraler Dokumente begründen sie in Video-Aussagen ein ganz anderes Verständnis von Speers Rolle im Nationalsozialismus und seiner Rechtfertigung:

  •  „Wie wird Speer in der Bundesrepublik wahrgenommen?“ Die Politikwissenschaftlerin Isabell Trommer untersuchte anhand von Presseberichten und Buchbesprechungen Speers öffentliche Wahrnehmung und die folgenden Rechtfertigungsdiskurse. So galt er als Zeitzeuge, Verführter, Technokrat, Leistungsträger, Widerständler, Unwissender und Büßer.
  •  „Ist Speer ein unpolitischer Architekt?“ Architektur-Professor Jörn Düwel dokumentiert Speers Ausstellung „Neue Deutsche Baukunst“, die während der Kriegsjahre durch ganz Europa tourte und für die nationalsozialistische Architektur werben sollte, darunter das Reichsparteitagsgelände mit dem Deutschen Stadion. Für das geplante „größte Stadion der Welt“ finanzierte Speer den SS-eigenen Wirtschaftsbetrieb „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“, der Steinbrüche betrieb, in denen Tausende von Häftlingen der Konzentrationslager Flossenbürg, Mauthausen, Natzweiler und Groß-Rosen ums Leben kamen.
  •  „Was hat Speer mit den Konzentrationslagern zu tun?“ Historiker Bertrand Perz untersuchte deren Geschichte, die Besuche Speers und dokumentiert den von Speer 1942 genehmigten Ausbauplan: „Vorhaben Kriegsgefangenenlager Auschwitz (Durchführung der Sonderbehandlung)“.
  •  „Welche Rolle spielt Speer beim Einsatz von Zwangsarbeitern?“ Das Rüstungsministerium betrieb mit dem KZ-Zwangsarbeitereinsatz Produktionsstätten für Rüstungsgüter mit Zehntausenden von Opfern seit 1942. Exemplarisch zeigt Historiker Jens-Christian Wagner die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im unterirdischen Stollensystem des KZ Mittelbau-Dora auf, wo rund 20.000 Häftlinge ums Leben kamen.
  •  „Beteiligt sich Speer an der Judenverfolgung?“ Mit den Planungen für die Reichshauptstadt Berlin drängt Speer als Generalbauinspektor auf die „Entmietung“ und Umsiedlung der Juden in Berlin. Die Historikerin Susanne Willems belegt dies in allen Einzelheiten anhand der Dokumente.
  •  „Wie wurden Fälschungen Speers aufgedeckt?“ Wie ein Mitarbeiter Speers in den sechziger Jahren die Chronik der Speer-Dienststellen fälschte, indem er belastende Passagen strich, konnte Historiker Matthias Schmidt bereits 1982 in seiner Studie nachweisen.
  • „Ist Speer ein Verbrecher?“  Am 6. Oktober 1943 sprach Heinrich Himmler in Posen vor Reichs- und Gauleitern zur „Judenfrage“ mit dem Entschluss, „dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“ Der amerikanische Historiker Erich Goldhagen konnte aufweisen, dass Himmler in der Rede Speer direkt angesprochen habe. Speer stritt seine Anwesenheit bei der Rede ab und organisierte „Belege“, die glaubhaft machen sollten, er sei bereits vor der Rede abgereist.
  •  Die treibende Kraft des Rüstungsministers beim Ausbau der Kriegswirtschaft einschließlich des KZ-Einsatzes bilanziert NS-Forscher Heinrich Schwendemann mit dem Verweis auf Speers Forderung nach „zähem Durchhalten“ aller Kräfte im März 1945.
  •  Regisseur und Autor Heinrich Breloer sammelte das Quellenmaterial als „Die Akte Speer“ und zeigte in seinem filmischen Doku-Drama „Speer und Er“ 2005 ein kritisches Bild über Speers Lügen, Legenden und Verbrechen.
  • „Warum funktionierte die Speer-Legende?“ In seiner aktuellen Biografie „Speer – eine deutsche Karriere“ (Berlin 2017) untersucht Historiker Magnus Brechtken, wie um Speers Memoiren mit publizistischer Unterstützung in der Bundesrepublik sowie in den USA die „Marke Speer“ etabliert wurde:

„Speer war also mit der Art und Weise, mit der er sich öffentlich positioniert hat vor allem nach 1966 und bis zu seinem Tode 1981 eine ideale Projektionsfläche für Millionen Deutsche, die gerne genau die gleiche Distanzierungsgeschichte zum Nationalsozialismus erzählen wollten wie Speer das tat. (…) Das ist im Grunde die Speer-Legende, und weil sie sich ideal mit den Bedürfnissen der deutschen Gesellschaft traf, war sie auf viele Jahrzehnte sehr erfolgreich.“

Alle Daten und Zitate aus:

Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit, Ausstellungskatalog des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände für die Museen der Stadt Nürnberg herausgegeben von Martina Christmeier und Alexander Schmidt, Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg, Band 13, herausgegeben von Ingrid Bierer, Mit Beiträgen von Magnus Brechtken, Martina Christmeier, Florian Dierl, Hanne Leßau und Alexander Schmidt, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017

English version: Albert Speer in the Federal Republic. Exhibition Catalogue, Documentation Centre Party Rally Grounds for Nuremberg Municipal Museums, Editors: Martina Christmeier and Alexander Schmidt, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017

 

Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit; 28. April bis 26. November 2017. Aktuell: Verlängerung bis 6. Januar 2018.

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg

Öffnungszeiten:  Montag bis Freitag 9 – 18 Uhr, Samstag und Sonntag 10 – 18 Uhr, letzter Einlass 17 Uhr.

 

 

Das Lied der Rohrflöte

Hermann Glaser, Herausgeber: In Franken wieder Heimat finden. Über das Schicksal von Glaubensflüchtlingen, Heimatvertriebenen, Gastarbeitern, Kriegsflüchtlingen und Asylsuchenden, Reihe Buchfranken, Sonderband, Schrenk-Verlag, Röttenbach 2017

Herausgeber Hermann Glaser versammelt in diesem Band eine lesenwerte Reihe von Texten von und über Migranten in Franken. Seiner Einleitung stellt er Goethes Worte voran: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“. Er betrachtet die „Menschenbilder“, Lithografien des Malers und Zeichners Johannes Heisig – Gesichter, Köpfe, Gestalten.

Die Auswahl der Stoffe geht zurück bis zum Pegnesischen Schäfergedicht von Georg Philipp Harsdörffer und Johannes Klaj von 1644, den Mitbegründern des „Pegnesischen Blumenordens“ gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Michael Husarek schildert die gelungene Integration der französischen Hugenotten in Erlangen im 17. Jahrhundert und benennt Gelingensbedingungen für heutige Integration.

Als Nachfahre Salzburger Exulanten berührt mich die Darstellung von Christoph Lindenmeyer, wie deren Trecks nach und durch Franken zogen. Die Umstände der Ausweisung von 1731 lesen sich so erschütternd wie erfreulich die Beispiele der Willkommenskultur in Augsburg, Nürnberg und anderen Orten, auch durch die jüdischen Gemeinden. Zu deren Verfolgung und Vertreibung verweist  Herausgeber Glaser auf ein „anderes Buch“.

Bewegende persönliche Erinnerungen in Folge des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges geben Wolfgang Mück , „Vertrieben ins Ungewisse“, aus dem nordmährischen Hohenstadt nach Schauerheim und Neustadt an der Aisch, Andreas Holler: „Irgendwo ankommen“ und Bernd Ogan: „Mein Vater: Flüchtling aus Gleiwitz“.

Ein Kind aus Vietnam zu adoptieren und in die Familie zu integrieren, reflektiert Hermann Glaser eindrucksvoll: „Wie ein Kind entsteht. Geburtsurkunde: Ein Waisenhaus in Südvietnam.“

C. Peter Waegemann erinnert sich an das rote Erfurt und das braune Nürnberg, und wie er darüber mit Nachbarn in den USA sprach, darunter einem Geflüchteten, dessen Familie in den Konzentrationslagern ermordet worden war und der als US-Pilot Nürnberg bombardiert hat.

Über die „Gastarbeiter“ der 50er, 60er und 70er Jahre aus Italien, Spanien, Griechenland, Türkei und Marokko berichtet Steven M. Zahlaus mit einem Blick auf die Anwerbe-Abkommen und Entwicklungen des Ausländerrechts: „Dringend benötigt – schlecht behandelt“.

Doris Katheder und Max-Josef Schuster interviewen Somayeh Farzaneh, Künstlerin aus dem Iran bzw. Persien. Sie studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar und an der Akademie in Nürnberg und konnte einige Kunst-Projekte realisieren oder konzipieren. Auf die Frage, woher kommst Du, aus Persien oder dem Iran, antwortet sie unter anderem mit Versen von Rumi: „… wir sind alle von oben und gehen dorthin zurück …“.

Das Lied der Rohrflöte

Hör auf die Flöte – wie sie erzählt,
wie sie klagt über Trennung und spricht:
Seit man mich aus dem Röhricht schnitt,
weinen Mann und Frau bei meiner Klage.

Ich suche die Herzen derer,
die von Einsamkeit gequält sind
– nur sie verstehen
den Schmerz meiner Sehnsucht.

Wer weit entfernt ist
von seiner Heimat,
der sehnt sich
nach dem Tag seiner Rückkehr …

Der Hauch der Flöte ist Feuer – nicht Wind!
Was nützt einem sein Leben
ohne dieses Feuer?
Das Feuer der Liebe
bringt dem Schilfrohr die Musik
und dem Wein seinen Geschmack.

Das Lied der Flöte
lindert den Schmerz
verlorener Liebe.
Ihre Melodie reißt
die Schleier von unserem Herzen.

Hat es je ein so bitteres Gift
oder einen so süßen Zucker gegeben,
wie das Lied der Flöte?

Hat man je einen Liebenden
wie sie gesehen?

Rumi, Übersetzung von Dieter Halbach, hier S. 142

Thomas Röbke schreibt von der Begleitung zweier Jugendlicher aus Pakistan und Afghanistan, und die beiden erzählen von ihrer Herkunft, dem Ankommen, Schwierigkeiten und ihren Hoffnungen.

Kurz und knapp definiert Nina Glaser schließlich die Begriffe Zuwanderer, Migranten, Kontingentflüchtlinge, Asylbewerber und Geduldete.

Die Reihe „Buchfranken“ des Schrenk-Verlages ist hier zu finden:

http://www.buchfranken.de/