Ausstellung / Exhibition: Albert Speer

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zeigt die Sonderausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“. Readers in English language please check here.

Albert Speer (1905 – 1981) machte im Nationalsozialismus eine steile Karriere als Architekt, wurde 1934 mit der Planung des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg beauftragt und 1937 von Hitler zum Generalbauinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin und anderer deutscher Städte ernannt. 1942 folgte die Ernennung zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition, wobei Speer für die Umstellung der Rüstungsindustrie auf die totale Kriegswirtschaft verantwortlich war. Im November 1945 wurde Speer beim Hauptkriegsverbrecherprozess des Internationalen Militärgerichtshof angeklagt und am 1. Oktober wegen Kriegsverbrechen und Verbechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er bis 1966 im Alliierten Militärgefängnis Spandau in Berlin verbüßte.

Mit Unterstützung des Verlegers Wolf Jobst Siedler und des Publizisten Joachim C. Fest konnte Albert Speer seine Erinnerungen (1969) und die Spandauer Tagebücher (1975) veröffentlichen. Ausgehend von einer geschickten Verteidigungsstrategie beim Nürnberger Prozess konnte er sich mit diesen Büchern und Interwiews als unpolitischen Architekten, verführten Experten und sogar als Widerständler darstellen, sodass er sich einen legendären Mythos als „der gute Nazi“ erwarb. So trugen Speer und seine Unterstützer in der Bundesrepublik dazu bei, die alleinige Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen Hitler zuzusprechen, die unzähligen Verantwortlichen, Täter, Helfer und Beteiligten sowie sich selbst von Verantwortung und Schuld zu entlasten.

Weiter im Text geht es nach der Fotogalerie – Aufnahmen zum Vergrößern bitte anklicken.

Die Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände wurde in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin entwickelt und von Ausstellungsarchitekten Rainer Lendler und weiteren Mitwirkenden gestaltet.

Das Buchstabenrondell S P E E R zeigt Fotoaufnahmen der verschiedenen biografischen Phasen und projiziert Interview-Zitate:

„Die Ausübung von Macht an sich ist für mich einer der großen Anziehungspunkte in dieser zweiten Periode meiner Tätigkeit für Hitler gewesen.“  …

„Wenn er es auch nie direkt ausgesprochen hat nach 1942, was mit den Juden geschieht, so waren doch die Hinweise darauf deutlich genug, dass man hätte verstehen können wenn man hätte verstehen wollen, oder, dass ich hätte verstehen müssen, wenn ich hätte wollen.“ …

„Wenn ich nichts wusste, dann habe ich dafür gesorgt, dass ich nichts wusste. Wenn ich nichts gesehen habe, dann, weil ich nicht sehen wollte.“

Ein großer Büchertisch zeigt mit Bildern und Texten auf, wie sich Speer im Nationalsozialismus positionierte und vermarktete, im Nürnberger Prozess auch auf Kosten anderer verteidigte, in der Haftzeit an seiner Legende strickte und anschließend als geläuterter Büßer erfolgreich auftrat.

Beeindruckend und aufklärend schließen sich Thementische an, die mehrere Historikerinnen und Historiker vorstellen, die in akribischer Quellenarbeit mit Speers Legendenbildung aufräumen und seinen Mythos entzaubern. Anhand ihrer Studien und zentraler Dokumente begründen sie in Video-Aussagen ein ganz anderes Verständnis von Speers Rolle im Nationalsozialismus und seiner Rechtfertigung:

  •  „Wie wird Speer in der Bundesrepublik wahrgenommen?“ Die Politikwissenschaftlerin Isabell Trommer untersuchte anhand von Presseberichten und Buchbesprechungen Speers öffentliche Wahrnehmung und die folgenden Rechtfertigungsdiskurse. So galt er als Zeitzeuge, Verführter, Technokrat, Leistungsträger, Widerständler, Unwissender und Büßer.
  •  „Ist Speer ein unpolitischer Architekt?“ Architektur-Professor Jörn Düwel dokumentiert Speers Ausstellung „Neue Deutsche Baukunst“, die während der Kriegsjahre durch ganz Europa tourte und für die nationalsozialistische Architektur werben sollte, darunter das Reichsparteitagsgelände mit dem Deutschen Stadion. Für das geplante „größte Stadion der Welt“ finanzierte Speer den SS-eigenen Wirtschaftsbetrieb „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“, der Steinbrüche betrieb, in denen Tausende von Häftlingen der Konzentrationslager Flossenbürg, Mauthausen, Natzweiler und Groß-Rosen ums Leben kamen.
  •  „Was hat Speer mit den Konzentrationslagern zu tun?“ Historiker Bertrand Perz untersuchte deren Geschichte, die Besuche Speers und dokumentiert den von Speer 1942 genehmigten Ausbauplan: „Vorhaben Kriegsgefangenenlager Auschwitz (Durchführung der Sonderbehandlung)“.
  •  „Welche Rolle spielt Speer beim Einsatz von Zwangsarbeitern?“ Das Rüstungsministerium betrieb mit dem KZ-Zwangsarbeitereinsatz Produktionsstätten für Rüstungsgüter mit Zehntausenden von Opfern seit 1942. Exemplarisch zeigt Historiker Jens-Christian Wagner die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im unterirdischen Stollensystem des KZ Mittelbau-Dora auf, wo rund 20.000 Häftlinge ums Leben kamen.
  •  „Beteiligt sich Speer an der Judenverfolgung?“ Mit den Planungen für die Reichshauptstadt Berlin drängt Speer als Generalbauinspektor auf die „Entmietung“ und Umsiedlung der Juden in Berlin. Die Historikerin Susanne Willems belegt dies in allen Einzelheiten anhand der Dokumente.
  •  „Wie wurden Fälschungen Speers aufgedeckt?“ Wie ein Mitarbeiter Speers in den sechziger Jahren die Chronik der Speer-Dienststellen fälschte, indem er belastende Passagen strich, konnte Historiker Matthias Schmidt bereits 1982 in seiner Studie nachweisen.
  • „Ist Speer ein Verbrecher?“  Am 6. Oktober 1943 sprach Heinrich Himmler in Posen vor Reichs- und Gauleitern zur „Judenfrage“ mit dem Entschluss, „dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“ Der amerikanische Historiker Erich Goldhagen konnte aufweisen, dass Himmler in der Rede Speer direkt angesprochen habe. Speer stritt seine Anwesenheit bei der Rede ab und organisierte „Belege“, die glaubhaft machen sollten, er sei bereits vor der Rede abgereist.
  •  Die treibende Kraft des Rüstungsministers beim Ausbau der Kriegswirtschaft einschließlich des KZ-Einsatzes bilanziert NS-Forscher Heinrich Schwendemann mit dem Verweis auf Speers Forderung nach „zähem Durchhalten“ aller Kräfte im März 1945.
  •  Regisseur und Autor Heinrich Breloer sammelte das Quellenmaterial als „Die Akte Speer“ und zeigte in seinem filmischen Doku-Drama „Speer und Er“ 2005 ein kritisches Bild über Speers Lügen, Legenden und Verbrechen.
  • „Warum funktionierte die Speer-Legende?“ In seiner aktuellen Biografie „Speer – eine deutsche Karriere“ (Berlin 2017) untersucht Historiker Magnus Brechtken, wie um Speers Memoiren mit publizistischer Unterstützung in der Bundesrepublik sowie in den USA die „Marke Speer“ etabliert wurde:

„Speer war also mit der Art und Weise, mit der er sich öffentlich positioniert hat vor allem nach 1966 und bis zu seinem Tode 1981 eine ideale Projektionsfläche für Millionen Deutsche, die gerne genau die gleiche Distanzierungsgeschichte zum Nationalsozialismus erzählen wollten wie Speer das tat. (…) Das ist im Grunde die Speer-Legende, und weil sie sich ideal mit den Bedürfnissen der deutschen Gesellschaft traf, war sie auf viele Jahrzehnte sehr erfolgreich.“

Alle Daten und Zitate aus:

Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit, Ausstellungskatalog des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände für die Museen der Stadt Nürnberg herausgegeben von Martina Christmeier und Alexander Schmidt, Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg, Band 13, herausgegeben von Ingrid Bierer, Mit Beiträgen von Magnus Brechtken, Martina Christmeier, Florian Dierl, Hanne Leßau und Alexander Schmidt, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017

English version: Albert Speer in the Federal Republic. Exhibition Catalogue, Documentation Centre Party Rally Grounds for Nuremberg Municipal Museums, Editors: Martina Christmeier and Alexander Schmidt, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017

 

Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit; 28. April bis 26. November 2017

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg

Öffnungszeiten:  Montag bis Freitag 9 – 18 Uhr, Samstag und Sonntag 10 – 18 Uhr, letzter Einlass 17 Uhr.

 

 

Das Lied der Rohrflöte

Hermann Glaser, Herausgeber: In Franken wieder Heimat finden. Über das Schicksal von Glaubensflüchtlingen, Heimatvertriebenen, Gastarbeitern, Kriegsflüchtlingen und Asylsuchenden, Reihe Buchfranken, Sonderband, Schrenk-Verlag, Röttenbach 2017

Herausgeber Hermann Glaser versammelt in diesem Band eine lesenwerte Reihe von Texten von und über Migranten in Franken. Seiner Einleitung stellt er Goethes Worte voran: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“. Er betrachtet die „Menschenbilder“, Lithografien des Malers und Zeichners Johannes Heisig – Gesichter, Köpfe, Gestalten.

Die Auswahl der Stoffe geht zurück bis zum Pegnesischen Schäfergedicht von Georg Philipp Harsdörffer und Johannes Klaj von 1644, den Mitbegründern des „Pegnesischen Blumenordens“ gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Michael Husarek schildert die gelungene Integration der französischen Hugenotten in Erlangen im 17. Jahrhundert und benennt Gelingensbedingungen für heutige Integration.

Als Nachfahre Salzburger Exulanten berührt mich die Darstellung von Christoph Lindenmeyer, wie deren Trecks nach und durch Franken zogen. Die Umstände der Ausweisung von 1731 lesen sich so erschütternd wie erfreulich die Beispiele der Willkommenskultur in Augsburg, Nürnberg und anderen Orten, auch durch die jüdischen Gemeinden. Zu deren Verfolgung und Vertreibung verweist  Herausgeber Glaser auf ein „anderes Buch“.

Bewegende persönliche Erinnerungen in Folge des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges geben Wolfgang Mück , „Vertrieben ins Ungewisse“, aus dem nordmährischen Hohenstadt nach Schauerheim und Neustadt an der Aisch, Andreas Holler: „Irgendwo ankommen“ und Bernd Ogan: „Mein Vater: Flüchtling aus Gleiwitz“.

Ein Kind aus Vietnam zu adoptieren und in die Familie zu integrieren, reflektiert Hermann Glaser eindrucksvoll: „Wie ein Kind entsteht. Geburtsurkunde: Ein Waisenhaus in Südvietnam.“

C. Peter Waegemann erinnert sich an das rote Erfurt und das braune Nürnberg, und wie er darüber mit Nachbarn in den USA sprach, darunter einem Geflüchteten, dessen Familie in den Konzentrationslagern ermordet worden war und der als US-Pilot Nürnberg bombardiert hat.

Über die „Gastarbeiter“ der 50er, 60er und 70er Jahre aus Italien, Spanien, Griechenland, Türkei und Marokko berichtet Steven M. Zahlaus mit einem Blick auf die Anwerbe-Abkommen und Entwicklungen des Ausländerrechts: „Dringend benötigt – schlecht behandelt“.

Doris Katheder und Max-Josef Schuster interviewen Somayeh Farzaneh, Künstlerin aus dem Iran bzw. Persien. Sie studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar und an der Akademie in Nürnberg und konnte einige Kunst-Projekte realisieren oder konzipieren. Auf die Frage, woher kommst Du, aus Persien oder dem Iran, antwortet sie unter anderem mit Versen von Rumi: „… wir sind alle von oben und gehen dorthin zurück …“.

 

Das Lied der Rohrflöte

Hör auf die Flöte – wie sie erzählt,
wie sie klagt über Trennung und spricht:
Seit man mich aus dem Röhricht schnitt,
weinen Mann und Frau bei meiner Klage.

Ich suche die Herzen derer,
die von Einsamkeit gequält sind
– nur sie verstehen
den Schmerz meiner Sehnsucht.

Wer weit entfernt ist
von seiner Heimat,
der sehnt sich
nach dem Tag seiner Rückkehr …

Der Hauch der Flöte ist Feuer – nicht Wind!
Was nützt einem sein Leben
ohne dieses Feuer?
Das Feuer der Liebe
bringt dem Schilfrohr die Musik
und dem Wein seinen Geschmack.

Das Lied der Flöte
lindert den Schmerz
verlorener Liebe.
Ihre Melodie reißt
die Schleier von unserem Herzen.

Hat es je ein so bitteres Gift
oder einen so süßen Zucker gegeben,
wie das Lied der Flöte?

Hat man je einen Liebenden
wie sie gesehen?

Rumi, Übersetzung von Dieter Halbach, hier S. 142

 

Thomas Röbke schreibt von der Begleitung zweier Jugendlicher aus Pakistan und Afghanistan, und die beiden erzählen von ihrer Herkunft, dem Ankommen, Schwierigkeiten und ihren Hoffnungen.

Kurz und knapp definiert Nina Glaser schließlich die Begriffe Zuwanderer, Migranten, Kontingentflüchtlinge, Asylbewerber und Geduldete.

 

Die Reihe „Buchfranken“ des Schrenk-Verlages ist hier zu finden:

http://www.buchfranken.de/B%C3%BCcher%20im%20Schrenk-Verlag.html

 

 

 

 

 

 

Beautiful Fountain – Schöner Brunnen

In the Old Town of Nuremberg one of my beloved sights is the Beautiful Fountain at the Main Market Place. The medieval Fountain had been restored for quite a while recently, and a sunny day gives the opportunity to take some fresh photographs of it. Among fourty sculptures, in the first line we find the representatives of the seven liberal arts and philosophy:

  •  Donatus: Grammar
  •  Cicero: Rhetoric
  •  Aristoteles: Dialectic
  •  Nikomachus: Arithmetic
  •  Euklid: Geometry
  •  Ptolemaeus: Astronomy
  •  Pythagoras: Music
  •  Socrates: Philosophy.

Please click at anyone for the picture gallery:

Along with the restoration, not only the static of the fountain was secured and the colours have been refreshed, but also the well was set in function again. In medieval times, the fountain had an important role in water supply. In a transferred sense, the water well symbolizes the well of wisdom as it was and still may be found through philosophy.

If you ever come to see Nuremberg, take a look at the Beautiful Fountain. Blog followers are kindly invited to share a philosophical guided tour and their reflections.

 

 

Deutschstunde – German Lesson

An der heutigen Deutschstunde will ich Euch teilhaben lassen. Readers in English language please see down below.
Herr A. J. sprach an, dass er gestern eine erneute Duldung für drei Monate bekommen hat. Derzeit hat er einen Deutschkurs, und wir wiederholten und ergänzten seinen Schreibblock:
„Sein Nachbar muss zurück nach Afghanistan
Die Polizei ist gekommen
Sie hat ihn abgeholt
Die Polizei hat seinen Nachbarn nach München gebracht
Es gab eine Bomben
explosion in Kabul
Viele Menschen wurden getötet oder verletzt
Es gab Viele Tote und Verletzte“
Wir wiederholten den Text, die Sätze und Wörter mit Aussprache. Herr A. J. erzählte weiter – hier in meiner Formulierung und Wiedergabe:
„Das Flugzeug ist nicht abgeflogen.
Die Abschiebung ist ausgesetzt.
Der Nachbar ist zurück gekommen.“

 

Fotos zum Vergrößern anklicken.

English version:
At todays German Lesson, Mister A. J. told that his temporary suspension of deportation (Duldung) was prolongued for three months. He attends a German class, and we repeated his lesson and notices:
„His neighbour has to go back to Afghanistan
Police came
and took him away
Police took his neighbour to Munich
There was a bomb
explosion in Kabul
Many people were killed or hurt
There were many deads and injured“
Repeating the text, sentence and words with pronunciation, Mister A. J. continues the story – here in my words:
„The plane did not start off
The deportation was cancelled
The neighbour came back“

Pulse of Europe

Am Sonntag gab es wieder die Möglichkeit, Pulse of Europe  (Version in English language available there) – kennen zu lernen, die Bürgerinitiative für Europa. Sie ist in vielen Ländern und Städten tätig und versammelt dabei zahlreiche Bürger*innen, die sich für die europäische Idee sowie für friedliche und zivile Zusammenarbeit engagieren:

Unser Ziel und Beitrag

Wir sind überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen an die Grundidee der Europäischen Union und ihre Reformierbarkeit und Weiterentwicklung glaubt und sie nicht nationalistischen Tendenzen opfern möchte. Es geht um nichts Geringeres als die Bewahrung eines Bündnisses zur Sicherung des Friedens und zur Gewährleistung von individueller Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit.

Die Fotos der Galerie durch Anklicken vergrößern.

In Nürnberg trafen sich ein paar Hundert Teilnehmer*innen an der Lorenzkirche. Zunächst schwiegen wir eine Minute zur Anteilnahme für die Opfer des Terrroranschlags in London. Nachher sprach dazu ein britischer Redner. Die Pfarrerin von St. Lorenz erläuterte an diesem Pfingstsonntag, wie der Geist sprachliche Grenzen überwindet zu einer Verständigung – gerade auch im ökumenischen Sinne.

Die Initiatoren trugen den Offenen Brief der Initiative an Europäische Politiker vor, nachzulesen auf der Internet-Seite. Engagierte trugen zehn Thesen zu Europa vor, andere meldeten und kommentierten Nachrichten aus der europäischen Politik der letzten vier Wochen.

Mehrere Sprecher*innen kritisierten die Polizei-Aktion zur Abschiebung eines afghanischen Schülers aus seiner Schulklasse im Nürnberger Berufsschulzentrum vor einigen Tagen mit klarer Unterstützung der Versammlung.

Eine Sängerin gab den Ton an zu Carols Kings „You’ve got a friend“. Die Teilnehmer*innen bildeten ein Ypsilon als Buchstaben zu der europäischen Foto- und Filmaktion „We say hello – don’t say goodbye“ zum Beatles-Song „Hello, Goodbye“ in bezug auf den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die entsprechenden Verhandlungen.

Schließlich sangen wir die Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven mit drei Versen von Friedrich Schiller – die Europa-Hymne. Eine Menschen-Kette zu den Tönen des Pulsschlages oder Herzschlages rundete die Versammlung ab.

Hier erinnere ich mich, wie wir Anfang der achtziger Jahre Woche für Woche freitags bei St. Lorenz einen „Schweigekreis für den Frieden“ bildeten. Der Protest richtete sich gegen die Nachrüstung mit den Mittelstreckenraketen. Die Friedensbewegung konnte nicht verhindern, dass sie aufgestellt wurden, hat wiederum mit ihrem Einsatz wesentlich dazu beigetragen, dass die betreffenden INF-Verhandlungen dazu führten, dass diese Waffen wieder abgezogen wurden. So lernte ich, dass Bürger-Engagement wirkt und mit entscheidet.

Den Initiator*innenen von Pulse of Europe, aktiven und engagierten Teilnehmer*innen wünsche ich international, europäisch, bundesrepublikanisch und lokal in Nürnberg entsprechende Bildungserlebnisse, weiterhin viel Zuspruch, Gehör, Resonanz und Erfolg auf diesem Weg.

 

http://pulseofeurope.eu/

 

„Das weiche Wasser bricht den Stein“

This song today.  Dieses Lied heute:

Bots, „Das weiche Wasser bricht den Stein“

LP: Entrüstung, 1981

"Europa hatte zweimal Krieg
der dritte wird der letzte sein
gib bloß nicht auf, gib nicht klein bei
das weiche Wasser bricht den Stein.

Die Bombe die kein Leben schont
 Maschinen nur und Stahlbeton,
hat uns zu einem Lied vereint
das weiche Wasser bricht den Stein.

Es reißt die schwersten Mauern ein
und sind wir schwach und sind wir klein
wir wollen wie das Wasser sein
das weiche Wasser bricht den Stein.

Raketen stehn vor unsrer Tür
die solln zu unserm Schutz hier sein
auf solchen Schutz verzichten wir
das weiche Wasser bricht den Stein.

Die Rüstung sitzt am Tisch der Welt
und Kinder die vor Hunger schrein
für Waffen fließt das große Geld
doch weiches Wasser bricht den Stein.

Komm feiern wir ein Friedensfest
und zeigen wie sich's leben läßt
 Mensch! Menschen können Menschen sein
das weiche Wasser bricht den Stein.“

Dieses Lied der bots begleitete uns in der Friedensbewegung der achtziger Jahre, und in letzter Zeit kommt es mir immer wieder in den Sinn, sodass ich es heute gerne hier in Erinnerung rufe. Im Internet finden sich verschiedene Audio- und Video-Fassungen, hier vom Liedercircus im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 1982:

—-

Die Autorenschaft des Liedtextes: Bots / Hildebrandt / Lerryn / Wallraff / Hüsch.

Der Titel vom weichen Wasser greift den Text von Laotse aus dem Tao te king auf, hier in der Übertragung von Richard Wilhelm:

„Auf der ganzen Welt
gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser.
Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt,
kommt nichts ihm gleich.
Es kann durch nichts verändert werden.
Daß Schwaches das Starke besiegt
und Weiches das Harte besiegt,
weiß jedermann auf Erden,
aber niemand vermag danach zu handeln.

Also auch hat ein Berufener gesagt:
»Wer den Schmutz des Reiches auf sich nimmt,
der ist der Herr bei Erdopfern.
Wer das Unglück des Reiches auf sich nimmt,
der ist der König der Welt.«
Wahre Worte sind wie umgekehrt.“

– – –

 

Bertolt Brecht hat uns diesen Text auf seine Weise anverwandelt:

„Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration

Als er siebzig war und war gebrechlich
drängte es den Lehrer doch nach Ruh
denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
und er gürtete den Schuh.
2
Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er abends immer rauchte
und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.
3
Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.
4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.
6
Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He du! Halt an!
7
Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe, keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch Du?“
10
Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen,
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit.)
Und dann war’s soweit.
12
Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.“
– – –
Das weiche Wasser mag ich, und wie das Lied und die Gedichte sagen, bricht es den Stein.

 

Die bots sind hier zu finden:  http://www.bots-muziek.nl/

 

Nürnberger Männleinlaufen

„Wee men running“ in English at: http://maennleinlaufen.nuernberg.de/?lang=en

Zum 700. Geburtstag von Kaiser Karl IV. – 1316 bis 1378 – erinnert die Stadt Nürnberg mit zahlreichen Kooperationspartnern und vielerlei Veranstaltungen und Ausstellungen an einen böhmischen und deutschen Herrscher, zu dessen Zeit Prag und Nürnberg an der „Goldenene Straße“ europäische Städte wurden.

Karl IV. erlaubte 1349 die Vertreibung der Juden, den Abbruch ihrer Häuser und die Einziehung ihres Vermögens. Die Nürnberger verbrannten 562 Juden in einem Progrom. An der Stelle ihrer Siedlung entstand der Hauptmarkt, an der Stelle ihrer Synagoge 1355 die Frauenkirche. Seit 1509 zeigt die Kunstuhr in deren Giebel das „Männleinlaufen“: sieben geistige und weltliche Kurfürsten huldigem dem Kaiser – täglich 12 Uhr mittags.

Das „Männleinlaufen“ wird gegenwärtig bis 3. November aktualisiert – wer Kaiser oder Kurfürst nachspielen oder sich einfach orientieren möchte, finde sich ein. Ein Theater-Comic am Rathausplatz illustriert die Geschichte – siehe die letzten drei Aufnahmen der Galerie.

In der Goldenen Bulle, der Verfassung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation – legte Karl IV. fest, wie die Könige des deutschen Reiches gewählt werden – von den sieben Kurfürsten -, und dass jeder gewählte König den ersten Reichstag in Nürnberg abhalten solle.

Zu den aktuellen Veranstaltungen des Projektbüros im Kulturreferat der Stadt Nürnberg:  http://maennleinlaufen.nuernberg.de/

Bayerisch-Tschechische Landesausstellung „Karl IV.:“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg vom 20. Oktober 2016 bis zum 5. März 2017: http://www.karliv.eu/

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