Hannah Arendt: „Die Freiheit, frei zu sein“ * „The freedom to be free“

Hannah Arendts Essay „The freedom to be free“ (um 1967) wurde gerade aus ihrem Nachlass herausgegeben. Neue Leser*innen mögen sie entdecken, ältere werden den Text genießen. Auf 35 Seiten beschrieb Hannah Arendt hier ihr Verständnis der Freiheit anhand der Begriffsgeschichte und der modernen Revolutionen, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Frankreich.

Der Begriff der Revolution stammt nicht aus der antiken Tradition des politischen Denkens, sondern aus der Astronomie, von Nicolaus Copernicus, „De revolutionibus orbium coelestium“, Nürnberg 1543. Zu übersetzen: „Über die Umschwünge der himmlischen Kugelschalen“, oder: „Über die Kreisbewegungen der Weltkörper“ (Einfügung des Autors nach: Lexikon der philosophischen Werke). Hannah Arendt berichtet, dass der Ausdruck Revolution beim Übergang in die politische Sprache zunächst ganz anders gebraucht wurde – im Sinne von Restauration, Wiederherstellung – so in England um und nach Cromwell bei der „Glorious Revolution“ 1688 (S. 13).

Auf den Punkt diskutiert Hannah Arendt die Ursachen, den Verlauf und die Folgen der Revolutionen in den USA und in Frankreich und zitiert die amerikanischen Verfassungsdenker ebenso wie die französischen Revolutionäre.

Condorcet wollte „das Wort revolutionär … mithin nur auf Revolutionen anwenden, die die Freiheit zum Ziel haben.“ (S. 11)

Nach John Adams sei die Revolution in den USA vollzogen gewesen, „bevor der Unabhängigkeitskrieg begonnen hatte“, weil die Bewohner der Kolonien „durch das Gesetz in Körperschaften zusammengefasst waren, die politischer Natur waren“, mit dem Recht, sich in „town halls zu versammeln, um dort über öffentliche Angelegenheiten zu beraten“; „in diesen Versammlungen der Städte und der ländlichen Bezirke wurde die Denkungsart des Volkes ursprünglich geformt“. (S. 18 – 19)

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. …“ (S.22)

„Die Männer der ersten Revolutionen wussten zwar sehr wohl, dass Befreiung der Freiheit voran gehen musste, waren sich aber noch nicht der Tatsache bewusst, dass eine solche Befreiung mehr bedeutet als politische Befreiung von absoluter und despotischer Macht; dass die Freiheit, frei zu sein, zuallererst bedeutete, nicht nur von Furcht, sondern auch von Not frei zu sein. …“ (S. 24)

In der Französischen Revolution, so Hannah Arendt, „stellte sich heraus, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg einiger weniger gewesen war. Aus dem gleichen Grund jedoch blieb die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen, während die Französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir heute als revolutionäre Tradition bezeichnen.“ (S. 26)

In dieser Zusammenfassung kann nicht alles wiedergegeben werden, was Hannah Arendt zitiert von Machiavelli, Kant, Marx und Tocqueville, von Rosa Luxemburg und anderen, zu den deformierten oder abgebrochenen Revolutionen und ihren Folgen, – bemerkenswert ist ihre eigene Deutung von Geburt und Wiedergeburt, der Gebürtigkeit des Menschen:

„Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“ (S. 37)

In seinem lesenswerten Nachwort zur Entstehung und Argumentation des Essays sowie Hannah Arendts Denkweg führt Thomas Meyer „die Rede von der ‚Freiheit, frei zu sein'“, zurück auf Henry David Thoreau, aus: „Life without principle“, 1863, „Leben ohne Prinzipien“:

„Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind?“ (S. 47)

Folgende Aufnahmen bitte anklicken zum Vergrößern:

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer, dtv, München 2018

Verlag: https://www.dtv.de/buch/hannah-arendt-die-freiheit-frei-zu-sein-14651/

“The Freedom to Be Free”, in: Thinking Without a Banister. Essays in Understanding, 1953-1975, By Hannah Arendt. Edited by Jerome Kohn, Published by Schocken, Mar 06, 2018, ISBN 9780805242157

https://www.penguinrandomhouse.com/books/4712/thinking-without-a-banister-by-hannah-arendt/9780805242157/

 

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Veröffentlicht von

arnoldnuremberg

Bernd Arnold in Nürnberg

10 Gedanken zu „Hannah Arendt: „Die Freiheit, frei zu sein“ * „The freedom to be free““

  1. Danke für diesen Lesetipp, werd‘ ich mir besorgen. Bin gespannt. Hannah Arendt wird ja neuerdings eher als konservative Denkerin gehandelt, heißt, als eine, die zwar kritisch war, aber angeblich immer innerhalb der etablierten Strukturen geblieben ist, auch in ihrem Denken. Da kommt mir dieses Buch von ihr über die Freiheit gerade recht. 😉

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    1. Hallo Dagmar,
      danke für Dein Feedback. Wenn ich mich an die frühere Studienzeit recht erinnere, wurde Hannah Arendts Analyse der „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ unterschiedlich aufgenommen. So erkannte sie den Nationalsozialismus und den Stalinismus als „totale“ bzw. „totalitäre“ Herrschaften. Die folgenden Debatten über Totalitarismus waren wohl stark ideologisch behaftet – kein Wunder vor dem Hintegrund des anhaltenden „Kalten Krieges“.
      Wer sich wie Hannah Arendt mit antikem politischen Denken befasste, galt als „vormodern“, quasi automatisch als „konservativ“.
      Nach Ende der Sowjetunion und des partei-amtlichen Marxismus-Leninismus rückte Hannah Arendt stärker in den Blick auch in der „progressiven“ politischen Theorie.
      Sich mit Ihrem Leben und Werk zu beschäftigen, finde ich anregend, und ihre vielfältigen Beiträge und Stellungnahmen, mit denen sie sich keineswegs immer nur Freunde machte, zeigen sie als unabhängige Denkerin. Der Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ gibt einige ihrer Gedanken kompakt wieder und animiert, weiterzulesen.
      Viele Grüße, Bernd

      P. S. Der Bayerische Rundfunk meldet: „Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, wird in Regensburg „Die Banalität der Liebe“ uraufgeführt. In Auftrag gegeben hat das Theater Regensburg diese Oper bei der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff. In Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Savyon Liebrecht behandelt sie darin zentrale Fragen der jüngeren deutschen Geschichte aus dem Blickwinkel der jüdischen Philosophin Hannah Arendt.“

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  2. Arendt kann auch heute noch unter interessanten Aspekten diskutiert werden. Heute arbeitet man weniger mit ihrer existentialistischen Seite, die sie (leider) sehr geprägt hat. Der Essay ist wichtig für das Verständnis der Idealistin Arendt und zeigt auch, dass sie irgendwie doch dem Deutschen Idealismus verhaftet ist – oder? Davon einmal ab, ich fand die deutsche Übersetzung gelungen.

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    1. Hallo Wolfgang,
      danke für Deine Gedanken zu Hannah Arendt.
      Zum Idealismus: Wer wie sie, wie es heißt, als 14-Jährige in Königsberg Kant gelesen hat, wird wohl geprägt sein. Wiederum zitiert sie auch in dem Freiheits-Essay Marx, und in der „Vita Activa“ ist Marx mit Platon und Aristoteles der am häufigsten zitierte Autor – mit großem Abstand vor Hegel.
      Betreffend Existenzialismus: Als junge Frau stand Hannah Arendt Martin Heidegger sehr nahe – wie gerade eine Oper in Regensburg darstellt: „Die Banalität der Liebe“ – . Dass sie ihn nach 1945 befragt und kritisiert hat zu seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus, finde ich beachtlich – sie hätte ja auch sagen können, „mit dem will ich nichts mehr zu tun haben“. Sich dazu zu äußern, hätte für Heidegger eine Chance sein können. Ob ihn Schuldgefühl, Scham oder letztendlich Überzeugung davon abgehalten haben mögen, kann und muss ich nicht beurteilen. Mit Karl Jaspers blieb Hannah Arendt lebenslang in Verbindung.
      Bin schon gespannt, ob ihr Nachlass-Verwalter Jerome Kohn noch etwas ausgräbt für uns zum Nachlesen.
      Viele Grüße, Bernd

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  3. Ich habe mich zu Zeiten meines Politikwissenschaftlichen Studium stark mit Hannah Arendt auseinandergesetzt – und krame ihre Werke, die in unserem Regal stehen derzeit eines nach dem anderen raus, weil ich finde, dass sie in vielem sehr recht hat und gar nicht konservativ, sondern logisch denkend vorgeht. Eine sehr kluge Frau. LG, Bri

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    1. Hallo Bri,
      danke für Deine Resonanz. Immer wieder mal die älteren Bücher, gelesen oder nicht – und gesammelt, aus dem Regal ziehen wie durchzublättern, ist mindestens ebenso reizvoll, wie den vielen Neuerscheinungen zu folgen.
      Hannah Arendt gehört in die Präsenz-Bibliothek. Was wäre Deine Empfehlung?
      Vor diesem neuen Text über die „Freiheit, frei zu sein“, griff ich zuletzt zu ihrem Essay „Wir sind Flüchtlinge“ (1943) aus dem dtv-Band „Zur Zeit. Politische Essays“. Der Text schließt:
      „Die von einem Land ins andere vertriebenen Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker – wenn sie ihre Identität aufrechterhalten. Zum ersten mal gibt es keine separate jüdische Geschichte mehr; sie ist verknüpft mit der Geschichte aller anderen Nationen. Und die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluß und die Verfolgung seines schwächsten Mitgliedes zuließ.“ (Seite 21)
      Hannah Arendts Denken veränderte die Welt, unterschrieb die Filmemacherin Margarethe von Trotta ihren Filmtitel.
      Viele Grüße, Bernd

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      1. Lieber Bernd, sehr gerne. Und ja, Präsenzbibliothek ist vollkommen richtig. Meine Empfehlung? Schwierige Frage, eigentlich alles. Ich habe erst einmal wieder zu Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft gegriffen, da die allgemeine Lage mich doch bedrückt. Lässt sich nicht einfach so nebenher lesen, aber ich empfinde es als wichtig. Liebe Grüße, Bri

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