Vom Einzelnen und Ganzen: Friedrich Rückert

Ein paar freie Tage ermöglichen eine eindrucksvolle Lektüre, eintauchen in Leben und Werk des fränkischen Dichters und Orientalisten Friedrich Rückert anhand des Bandes, der anlässlich seines 150. Todestages 2016 erschien zur Ausstellung, die aktuell in Coburg zu sehen ist.

Viele einzelne Dokumente gibt es zu lesen und zu betrachten, die schließlich ein ganzes Leben ausmachen, welches staunen lässt. Wie sich der gebürtige Schweinfurter Friedrich Rückert bildet, nach Italien reist, sich verliebt und verheiratet mit Luise Wiethaus-Fischer, eine Familie mit zehn Kindern gründet, von denen zwei sehr früh sterben, wovon die „Kindertodtenlieder“ zeugen, wie er sich als Professor der orientalischen Philologie in Erlangen und Berlin betätigt und sich über 40 Sprachen aneignet, aus deren Literaturen er zahlreiche klassische Werke zu übersetzen vermag, die wechselseitig seine eigene Poesie befruchten: arabische Lieder, Sprüche und Texte, persische Dichtungen, indische Klassiker, Psalmen und das Leben Jesu ebenso wie griechische Dramen und vielerlei anderes. Wie er sich mit seiner Zeit auseinandersetzt in deutsch-nationalen, anti-napoleonischen Positionen, im Biedermeier, Vormärz, zur 1848er Revolution und der Industrialisierung – sich schließlich in seine „Gartenlaube“ in Neuses bei Coburg zurückzieht, wo er täglich schreibt und Tausende von Gedichten hinterlässt, die nach annähernd 150 Jahren in den Liedertagebüchern der Historisch-kritischen Ausgabe der Schweinfurter Edition publiziert wurden. Friedrich Rückert suchte eine ursprüngliche Weltpoesie – und fand sie, indem er seine eigene erschuf.

"... Doch was manch Lied entwickelt, wie
Sollt' ich's auf einmal auf nun wiegeln?
Das Buch ist vor euch offen hie,
Und wer hineinschaut, mag sich spiegeln.
Mög' euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befremden auch mit fremder Tönung,
Daß ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung."

Friedrich Rückert, Shi-King. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius, Altona 1833, Die Geister der Lieder. Vorspiel. S. 1 - 6, hier: S. 6
"Ein indischer Brahman, geboren auf der Flur,
Der nichts gelesen als den Weda der Natur;

Hat viel gesehn, gedacht, noch mehr geahnt gefühlt,
Und mit Betrachtungen die Leidenschaft gekühlt;

Spricht bald was ihm klar ward, bald um sich's klar zu machen,
Von ihn angeh'nden halb, halb nicht angeh'nden Sachen.

Er hat die Eigenheit nur Einzelnes zu sehn,
Doch alles einzelne als Ganzes zu verstehn.

Woran er immer nur sieht schimmern einen Glanz,
Wird ein Betkügelchen an seinem Rosenkranz."

Weisheit des Brahmanen, hier S. 178

 

"Der Arbeit Theilung bringt auf Erden immer weiter
Die Arbeit selber wohl, nicht aber den Arbeiter.

Vielmehr, jemehr getheilt die Arbeit, wird getheilt
Durch sie der ganze Mensch, ein Riß, der niemehr heilt.

Wann wird zu ganzem Werk getheilte Arbeit wieder?
Wenn alle Menschen einst sich fühlen Menschheitsglieder;

Wann ineinandergreift, was von uns jeder treibt,
So daß nicht Einzles mehr, und nur das Ganze bleibt."

S. 280

 

Der Band rekonstruiert Leben und Schaffen von Friedrich Rückert in seinen Lebensabschnitten: Aufwachsen, Sich finden, Erfolg haben!, Scheitern?, Weise werden sowie das Nachwirken in Werkausgaben, Vertonungen und Nachklängen.

Auf weitere Lesetage mit den Übersetzungen und Liedertagebüchern von Friedrich Rückert freue ich mich.

 

Zitate und Abbildungen aus:

Der Weltpoet. Friedrich Rückert 1788-1866. Dichter, Orientalist, Zeitkritiker,
Herausgeber: Rudolf Kreutner, Wallstein Verlag, Göttingen 2016

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317833-der-weltpoet-friedrich-rueckert-1788-1866.html

Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Schweinfurt 8. April bis 10. Juli 2016, im Stadtmuseum Erlangen 24. Juli bis 13. November 2016 und im Kunstverein Coburg 14. Januar bis 17. April 2017.

Zur laufenden Ausstellung im Kunstverein Coburg bis 17. April 2017:

http://www.coburg.de/Subportale/Startseite/Jahresthemen.aspx

Zu: Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebenslauf und Einführung in sein Werk. Aktualisierte Neuausgabe. 2. Auflage. Wallstein, Göttingen 2016. 157 Seiten, schreibt Buchwolf eine lesenswerte Besprechung:

https://buchwolf.wordpress.com/2016/11/05/annemarie-schimmel-friedrich-rueckert/

Die Historisch-kritische Werkausgabe, „Schweinfurter Edition“, findet sich ebenfalls beim Wallstein Verlag in Göttingen:

http://www.wallstein-verlag.de/autoren/friedrich-rueckert.html

Bei WordPress sendet Mannigfaltiges wiederholt Gedichte von Friedrich Rückert:

https://mannigfaltiges.wordpress.com/tag/friedrich-rueckert/

Zahlreiche Beiträge zu Rückert bringt die Lyrikzeitung:

https://lyrikzeitung.com/tag/friedrich-ruckert/

Readers in English language are kindly requested to have a look at:

https://en.wikipedia.org/wiki/Friedrich_R%C3%BCckert

 

Advertisements

Veröffentlicht von

arnoldnuremberg

Bernd Arnold in Nürnberg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s