Das Leben verstehen * Understanding life

English readers please check out the book of Wilhelm Schmid here on the publishers page.

Wilhelm Schmid schreibt „Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers“.

Wer Wilhelm Schmids Werke schon eine Weile liest, freut sich über sein neues Buch, denn hier schreibt er über seine praktischen Erfahrungen im Krankenhaus Affoltern am Albis im Kanton Zürich, wovon schon lange die Rede, aber nicht viel zu lesen war. Schmids Essay „Vom Sinn der Schmerzen“ führte zu der Einladung, im dortigen Spital tätig zu werden. Ab 1998 übernahm er für zehn Jahre die Philosophiewochen: Gespräche mit den Patienten am Krankenbett, Pflegern und Ärztinnen, Workshops mit den Mitarbeitenden, Vorträge und Werkstätten über die Lebenskunst.

In den für Wilhelm Schmid zunächst überraschenden Gesprächen mit den Klienten geht es um Brüche und Lebenskrisen, den Umgang mit sich selbst und Neuanfänge, Schönes und zu Genießendes, Glücklich sein oder den Sinn – endlich um die Lebenskunst angesichts des Todes. Gefragt sind „geistige Nahrung“ (S. 16), das Zuhörenkönnen (S. 115), das Gespräch und die Beziehungen (S. 115 f).

"Was ich der Zeit in Affoltern verdanke, ist ein enormer Reichtum an Empirie im Sinne von Erfahrungen, die zum Korrektiv für meine eigenen Theorien werden konnten. Der vorliegende Bericht davon will nicht etwa ein Modell schildern, das auf andere Situationen und Institutionen übertragbar wäre, sondern diskutable Beispiele für eine philosophische Praxis im weiteren Sinne vorstellen." S. 13

"Meine Rolle in diesem Rahmen ist, einen Raum anzubieten, in dem über das Leben nachgedacht werden kann, um es besser zu verstehen. [...] 
So privat die Lebenskunst zunächst zu sein scheint, so politisch fällt sie letzten Endes aus, wenn es um die Bedingungen und Möglichkeiten des Lebens geht, die nicht nur vom jeweiligen Individuum abhängen." S. 235 f

Ebenso eingehend spricht der Autor mit dem Personal im Krankenhaus „quer durchs ganze Haus“ und nennt dies „transversale Arbeit“ – mit Wirkungen und Nebenwirkungen. Wilhelm Schmid besucht die Verwaltung, den Operationssaal und philosophiert mit der Ärzteschaft. Gleichermaßen reflektiert er mit den Pflegenden, den Kräften der Physiotherapie und Psychotherapie sowie der Psychiatrie und Theologie.

Wilhelm Schmid versteht sich als weltlicher Seelsorger, leitet den Begriff der Seelsorge von Sokrates und Platon her und entfaltet ihn aus der philosophischen Tradition mit Bezug auf Michel Foucault (S. 167 f). Leistet das philosophische Gespräch Rat oder Beratung? Was treibt dass Gespräch an? Was bedeutet Selbstbestimmung? Kann Philosophie Lebenshilfe leisten – was umstritten ist und hier und da bezweifelt wird.

"Das Leben braucht Möglichkeiten, eine Wirklichkeit ist zu wenig für einen Menschen." S.183 

"Wie die Erfahrung zeigt, kann das bloße Gespräch schon Wunder bewirken. Und das hat Gründe, denn endlich erfährt ein Mensch die Aufmerksamkeit, die ihm fehlte, die Zuwendung, die er entbehrte. Das ist der große Gewinn der Gespräche: Die Macht der Aufmerksamkeit wird erfahrbar, und dies wechselseitig." S.196   

"Der eigentliche Gewinn der philosophischen Gespräche ist Sinn. Philosophieren heißt, die Frage nach dem Sinn ernst zu nehmen und die möglichen Antworten darauf zu erörtern. Durch das gemeinsame Innehalten und Nachdenken über Sinn, durch Besinnung in jedem Sinne, werden bestehende Zusammenhänge klarer und sind neue zu erschließen." S. 197 f

Der Autor fragt sich selbsterfahrend: „Wozu das Alles?“ und taucht weiter ein in die Fragen, was Krankheit sei, seit wann es Krankenhäuser gibt wiederum anhand von Foucault, und wie sie etwas anders gestaltet werden könnten.

Im weiteren Kapitel betrachtet Wilhelm Schmid seine Leib- und Magenthemen der Lebenskunst wie die Kürze des Lebens, Heiterkeit und Zorn, Freiheit und Form, die Kunst des Berührens und Berührtwerdens, wie auch die Schattenseitens des Lebens mit den Machtfragen und Ohnmachtserfahrungen, Sinn und Sinnlosigkeit. Wie in seinen bekannten Büchern erläutert Schmid den Umgang mit Menschen und sich selbst, denkt nach über Liebe, Lieblosigkeit und andere Liebe sowie das Menschsein als in Beziehung sein.

"Heiterkeit beruht auf dem Erfülltsein von den zahllosen und gegensätzlichen Phänomenen des Lebens, die ein Mensch immer und überall erfahren kann." S. 245

"Philosophieren heißt, die vielen kleinen und großen Zusammenhänge von Leben, Liebe, Arbeit und Welt zu bedenken, um die eigene Rolle und die von Anderen in diesem Rahmen klarer sehen zu können." S. 315

In der weiteren theoretischen und praktischen Werkstatt geht es um Gewohnheiten im Pflegeheim, Überbelastung in der Arbeit, das lange Arbeitsleben, starke Teams für Krebskranke, pflegerischen Umgang mit Sterben und Tod. Gemeinsam wird in der Seelengruppe der Deutung der Seele nachgegangen (S. 130, 345 – 350).

Schließlich nimmt Wilhelm Schmid Abschied vom Haus, fragt was von seiner Tätigkeit bleibe und was sich daraus für die akademische und freie Philosophie Philosophie ergebe.

"Gerne würde ich mit diesem Buch dazu beitragen, dass die Philosophie sich entschiedener als bisher mit Lebensfragen befasst." S. 380

 

Wilhelm Schmid, Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 382 Seiten

Leseprobe, Angaben über Autor und weitere Schriften auf der Verlagseite:

http://www.suhrkamp.de/buecher/das_leben_verstehen-wilhelm_schmid_42569.html

Deutschlandradio Kultur führte ein Gespräch mit Wilhelm Schmid zu diesem Buch  (ab 15 Minuten):

http://www.deutschlandradiokultur.de/sein-und-streit-die-ganze-sendung-der-philosophische.2162.de.html?dram:article_id=365543

Die Seite von Wilhelm Schmid findet sich hier:

http://www.lebenskunstphilosophie.de/index.htm

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Resilient

Beim Daily Prompt zu „Hopeful“ bietet sich dieser Beitrag ebenfalls an:

Hopeful

Viel Glück, alles Gute, Frieden, Gesundheit und Wohlergehen für das neue Jahr 2017!

Happy new year, all the best, peace, health and well-being in 2017!

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Veröffentlicht von

arnoldnuremberg

Bernd Arnold in Nürnberg

3 Gedanken zu „Das Leben verstehen * Understanding life“

  1. Vielen Dank für diese interessante Besprechung! Verstehe ich das richtig: Das Leben wird von der Krise her verstanden und auch sogar darüber definiert? Kann man davon ableiten, dass nun das Leben in der Krise stattfinde, oder doch dazwischen? Oder – das Leben als permanente Krise? — Ich komme auf die Frage, weil die Sichtweise eines Seelsorgers immer eine sehr spezielle, wenn nicht zu sagen oft eine eingeschränkte Sichtweise sein muss. Außerdem würde mich bei so etwas der eigene Standpunkt interessieren: Wie wird mit eigenen Lebenskrisen umgegangen? Oder werden sie nicht angesprochen und sozusagen eine ‚auktoriale‘ Position eingenommen?

    Fragen über Fragen – entschuldige. 🙂

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  2. Gute Fragen sind immer willkommen, danke. Ich möchte mit passenden Stellen aus dem Text darauf eingehen.

    „Der erste Versuch, für mich selbst zu beschreiben, was da geschieht, führt mich zum Begriff einer Hermeneutik der Existenz (von griechisch hermeneuein, deuten). Die Gespräche bringen eine Deutung und Interpretation des Lebens in Gang, die dazu verhilft, das Leben besser zu verstehen und in diesem Moment, in dem ein Mensch nicht weiterweiß, einen gangbaren Weg auszumachen. Die Gelegenheit ist günstig für ein Innehalten, denn die Krise zwingt dazu, das Leben zu überdenken, im stillen Selbstgespräch oder im Gespräch mit Anderen, um in der unklaren Situation mehr Klarheit über Gegebenheiten und Möglichkeiten und das eigene Vorgehen zu gewinnen. Oft gilt die Deutung und Interpretation dabei „dem Sinn“, dem Sinn der Krise, der Krankheit, des Lebens, immer wieder wird in den Gesprächen dachach gefragt.“ S. 26

    Wilhelm Schmid verweist darauf, dass nicht jede Lebenskrise mit einer Krankheit einhergehe, S. 28 ff. Und er geht auf seine eigenen Sinnfragen und Sinnkrisen ein. „Dass der Sinn, dessen ich mir sicher war, über Nacht zusammenbricht, habe ich schon oft erlebt. […] Eine Desillusionierung hebt mich aus den Angeln und konfrontiert mich sehr heftig mit der Empfindung von Sinnlosigkeit.“ S. 202 und 203.
    In dieser Situation sucht er das Gespräch mit einer Krebspatientin, mit der eine persönliche Beziehung und Freundschaft entstanden war, und setzt mit ihren ebenso kritischen wie konstruktiven Rückmeldungen eine Klärung seiner eigenen Zweifel in Gang. S. 205 ff. So zeigt sich, dass Wilhelm Schmid nicht „über den Dingen“ steht, sondern deutlich macht, wie jeweils eigene Lösungsmöglichkeiten bedacht, Haltungen, Übungen und Gewohnheiten entwickelt werden können, um das Leben zu verstehen beziehungsweise dem Verstehen näher zu kommen.

    Soviel erstmal. Angenehmen Jahreswechsel und ein gutes neues Jahr!

    Gefällt 1 Person

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