Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“

Der Roman zum Thema. Jenny Erpenbeck erzählt von einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge in Berlin und von Richard, der ihnen begegnet.

Klappentext Rückseite: „An einem Donnerstag Ende August versammeln sich zehn Männer vor dem Roten Rathaus in Berlin. Sie haben beschlossen, heißt es, nichts mehr zu essen. Drei Tage später beschließen sie, nun auch nichts mehr zu trinken. Ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie sprechen Englisch, Französisch, Italienisch. Und noch andere Sprachen, die hierzulande niemand versteht. Was wollen die Männer? Arbeit wollen sie. Und von der Arbeit leben. In Deutschland bleiben wollen sie. Wer seid ihr, werden sie von der Polizei gefragt. Wir sagen es nicht, sagen die Männer. Das müsst ihr aber sagen, sagen die andern, sonst wissen wir nicht, ob ihr unter das Gesetz fallt und hier bleiben dürft. Die Männer schweigen. Wir müssen prüfen, ob ihr wirklich in Not seid, sagen die andern. Die Männer schweigen.“

Klappentext vorne: „Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die Begegnung mit den Flüchtlingen auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Männern aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.

Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von alldem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.“

Der verwitwete Ruheständler Richard nähert sich mit persönlicher Neugier und  Fragen den Flüchtlingen an. Wir erfahren vom Leben in den Unterkünften, der Praxis der Ausländerbehörden und dem Sprachunterricht. Ebenso aufschlussreich wie berührend sind die Lebensgeschichten und Fluchtwege der Schutzsuchenden. Deren Heimatverlust und Hoffnung auf Europa setzt Jenny Erpenbeck in Verbindung zur Vergangenheit der DDR, die in den Erinnerungen von Richard und seinen Freunden nachklingt.

„Wenn man verstehen will, was einer meint oder sagt, muss man im Grunde das, was er meint oder sagt, immer schon wissen. Ist dann ein gelungener Dialog nur ein Wiedererkennen? Und das Verstehen nicht etwa ein Weg, sondern vielmehr ein Zustand?“ (S. 94/95)

„Wie oft wohl muss einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder entdecken, wie viel Verkleidungen abreißen, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? Reicht überhaupt eine Lebenszeit dafür aus? Seine – oder die eines andern?“ (S. 177)

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Albrecht Knaus Verlag, München 2015

Auf der Internet-Seite des Verlags steht eine Leseprobe zur Verfügung:

http://www.randomhouse.de/Buch/Gehen-ging-gegangen-Roman/Jenny-Erpenbeck/e336327.rhd

Das Kulturmagazin Perlentaucher fasst ausgewählte Buchbesprechungen zusammen:

https://www.perlentaucher.de/buch/jenny-erpenbeck/gehen-ging-gegangen.html

 

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Veröffentlicht von

arnoldnuremberg

Bernd Arnold in Nürnberg

4 Gedanken zu „Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen““

  1. Lieber Bernd Arnold,
    dieses Buch von Jenny Erpenbeck ist in der Tat hervorragend, nicht nur inhaltlich, auch literarisch. Hier findet sich nicht nur Betroffenheit (die auch), sondern auch das kleine Drama des deutschen Alltags – schlicht neben die Katastrophengeschichten gestellt – eine genial verwobene Geschichte der Geschichten.
    Beste Grüße
    A.C. Archinal

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Bernd,
    da freue ich mich ja, Deinen Blog (ich hoffe, das Duzen ist in Ordnung, wir Literaturblogger sind da ganz ungezwungen) zu diesem Thema gefunden zu haben, der ja Jenny Erpenbecks Idee, möglichst viel über die Geschichten der Flüchtlinge zu erfahren und sie so als Menschen mit einem Leben vor der Flucht, mit einer Biografie, einer persönlichen Geschichte und ihren Nöten und Sorgen im neuen unbekannten Land kennenzulernen, aufnimmt und weiter trägt.
    Erpenbecks Roman finde ich ganz wichtig, weil er ja einer der ersten deutschsprachigen Romane zu dieser Thematik ist. Und mir hat auch das „Aufdröseln“ der vielen Geschichten der Flüchtlinge sehr gut gefallen – wer von uns hat schon einen Einblick in das Alltagsleben afrikanischer Menschen, kann sich genau vorstellen, warum sie sich zur Flucht entscheiden – oder auch entscheiden müssen -, welchen Preis sie dafür bezahlen, und damit meine ich nicht nur den für die Schlepper. So kann Litertaur uns Einblicke und Hintergründe eröffnen, die wir sonst kaum hätten.
    Bei den vielen syrischen Flüchtlingen, die nun nach Deutschland kommen, wird es bestimmt auch Schriftsteller geben, die uns sicherlich weitere Geschichten erzählen können.
    Viele Grüße, Claudia vom grauen Sofa

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Claudia,
      vielen Dank für Deine Nachricht und die Würdigung der Geschichten der Flüchtlinge. Im Roman fällt es Richard erstmal gar nicht leicht, einen Platz zu finden, um Gespräche führen zu können. Mein Wunsch ist, dass die Träger von Gemeinschaftsunterkünften dafür sorgen, dass es dort geeignete Räume für Begegnungen gibt – gerne mit Sofa zum Erzählen, Lesen und Austauschen. Persönlicher Kontakt lebt unter anderem vom mündlichen Erzählen. Geschriebenes kann dies vorbereiten, begleiten und reflektieren. Dank an die Übersetzerinnen und Übersetzer. Ich freue mich, hier Deinen und andere Lese-Blogs zu finden, die dies anregen und teilen.
      Schöne Grüße
      Bernd

      Gefällt 1 Person

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