Wohin gehen wir? – Where do we go?

Im Transit Camp Stadionbad fragen viele Flüchtlingsgäste sich selbst und uns HelferInnen: „Wo gehen wir hin?“ Wo finden wir Schutz vor Krieg und Gewalt und einen Ort zum Leben, Wohnen und Arbeiten für uns und unsere Familien?

Dazu hier einige Situationen, die beispielhaft zeigen, welchen Schwierigkeiten und Ungewissheiten die Schutzsuchenden gegenüberstehen und welchen Herausforderungen freiwillige Helfer begegnen:

  • Im Essenszelt setze ich mich an einen freien Tisch zum Mittagessen. Eine Frau kommt hinzu, nimmt Platz am Tisch hinter mir und wartet. Als ich mit der Mahlzeit fertig bin, spricht sie mich an. „Sir“, sagt sie, und spricht auf Arabisch weiter, worauf ich mit „merhaba“ antworte, hallo, dass ich nicht Arabya spräche und nenne das Schlüsselwort „tardschama“. Sie versteht „übersetzen“ und holt von draußen einen der engagierten Übersetzer, der unser Gespräch vermittelt. Die Frau stellt sich als Irakerin vor, die mit ihrer Familie zuhause an Leib und Leben bedroht wurde, ihre Heimat verlassen musste und sich auf den langen Weg nach Europa machte. Der Übersetzer vermittelt ihre Frage: „Wo sollen wir hingehen? Können wir in Deutschland bleiben? Werden wir in Deutschland aufgenommen und anerkannt? Müssen wir Angst haben, in Deutschland zu leben? Sollen wir besser nach Finnland gehen?“ Ich antworte behutsam und stelle mich als freiwilligen Helfer vor. Kriegsflüchtlinge genießen Flüchtlingsschutz. Ich bin keine amtliche Person, die eine Aussage zu ihrem Flüchtlingsstatus treffen könnte. Ich frage, ob sie denn in Deutschland oder Finnland eine Anlaufstelle oder Angehörige hätten. Dies war nicht der Fall. Man höre, dass es in Deutschland auch viele Anfeindungen gegen Flüchtlinge gibt. Dies ist leider zutreffend und nicht zu bestreiten. Ich versuche, Mut machen. Es gäbe auch viele Menschen und Initiativen, die Flüchtlinge unterstützen. In der Zwischenzeit setzen sich andere Gäste an den Tisch und hören; die Tochter der Frau spaziert um den Tisch. Ihr Mann kommt hinzu. Sie entfaltet persönliche Dokumente. Der Übersetzer gibt Verständnis-Hilfe. Im Transit Camp bieten wir ein Zeltdach über dem Kopf und Versorgung für einen Tag oder ein paar Tage; im Camp gibt es keine Registrierung und keine Asylsozialberatung; die Weiterleitung zu einer Erstaufnahme-Einrichtung wird organisiert. Die Entscheidung, wohin ihre Familie gehen solle, kann ich ihr nicht abnehmen. Ich rege an, sich auch mit den anderen Mitreisenden zu verständigen und zu beraten sowie offizielle Erstaufnahme-Einrichtungen und Beratungsstellen aufzusuchen.
  • Nachmittags trifft eine junge syrische Familie ein, die völlig verzweifelt ist. Der junge Familienvater lebt seit ein paar Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft in Franken. Vor ein paar Tagen ist seine Frau, die etwas Englisch spricht, mit dem kleinen Sohn in Nürnberg angekommen; sie sind froh über ihr Zusammentreffen nach vielen Monaten der Trennung, und sie haben aber ihre Not damit, wo sie hier nun zusammen bleiben können. In der Gemeinschaftsunterkunft wurde die Frau nicht zugelassen, da sie noch nicht registriert und untersucht ist. Von dort wurden sie hierher ins Transit Camp geschickt. Wir versuchen, die schutzsuchende Familie zu beruhigen, geben Essen, Schlafplatz und Gespräche. Was ist der richtige Weg? Würde eine amtliche Untersuchung mit Bestätigung in der Gemeinschaftsunterkunft helfen und ausreichen? Findet sich eine Erstaufnahme-Einrichtung zur Registrierung und Familienzusammenführung? In solchen Fällen können unsere KollegInnen des Sozialamtes mit Vermittlung bei den Einrichtungen mehrfach weiterhelfen.
  • Eine junge Syrerin, die seit zwei Jahren in der Nachbarstadt wohnt, hat erfahren, dass ihre Familienangehörigen im Transit Camp angekommen sind. Da sie sich in Nürnberg nicht auskennt, läuft sie den Weg vom Hauptbahnhof bis zum Stadionbad, um sie abzuholen. Sie spricht gut Deutsch, absolviert eine Ausbildung und wird ihre Angehörigen betreuen. Auf ihre Bitte begleite ich sie mit mehreren Erwachsenen und Kindern zur S-Bahn. Wie so oft, erlebe ich Würde, als ich wiederholt anbiete, eine schwere Reisetasche mitzutragen. Höflich wird dies ausgeschlagen. Wir gehen am Zeppelinfeld vorbei; die junge Syrerin hat bereits von der nationalsozialistischen Geschichte gehört. Sie fragt schöne Fragen, unter anderem ob und was ich lese – aus der Tasche ziehe ich das Reclam-Heft von Aischylos, Die Schutzsuchenden. An der S-Bahn-Station Frankenstadion lösen wir am Automaten Fahrkarten für die Familie und verabschieden uns.
  • Ein 16-jähriger Afghane spricht gutes Englisch und weiß, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonderen Schutz genießen. Er fragt, ob er besser hier bleiben oder nach Berlin reisen soll. Er will Philosophie studieren, Bertrand Russell und Martin Heidegger lesen. Wir haben im Transit Camp bei einem Becher Tee nicht genügend Muße zu besprechen, wie er auf diese beiden, so  durchaus unterschiedlichen Denker kommt. Helfer am Grenzübergang Passau hatten ihm die ersten Sätze in deutscher Sprache notiert. So fragt er nach der Aussprache: „Wouhäär kommst Du?“ Wir üben: woher kommst Du? Der Sozialdienst nimmt ihn in Obhut. Seine Reise wird nicht zu Ende sein. Eine Ehrenamtliche hält Kontakt mit ihm. Er ist in einer anderen Einrichtung angekommen, lernt täglich Deutsch und strebt einen Schulabschluss an, um studieren zu können. Die ehrenamtliche Begleiterin erzählt, er komme aus einer armen Familie, sei drei Monate auf der Flucht gewesen; auf ihn wurde geschossen und er erlebte Schreckliches und Hilfreiches auf dem Weg.

Diesen und allen anderen Ankommenden wünsche ich von Herzen, dass sie eine sichere und wohlgesonnene Zuflucht finden. „Wohin gehen wir?“ Dies wissen wir für die Schutzbefohlenen nicht zu beantworten. Der „Lernort“ Stadionbad vermittelt Geduld und Besonnenheit. Im Infozelt breiten wir Stadtpläne aus, Karten von Bayern, Deutschland und Europa. Dabei zeigen wir mit den ÜbersetzerInnen, wo gesuchte Städte, Nachbarländer und geografische Ziele liegen.

Das Beitragsbild oben zeigt den Tugendbrunnen bei St. Lorenz in Nürnberg mit den Figuren der Liebe und der Hoffnung.

 

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Veröffentlicht von

arnoldnuremberg

Bernd Arnold in Nürnberg

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